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Corona-Zeiten

Zahlenspiele

Zahlen spielen eine herausragende Rolle seit die Gefährlichkeit des Corona-Virus in der Millionenstadt Wuhan entdeckt wurde. Immer wieder wurden Zahlen der Infizierten und Toten genannt. Zum festen Teil meines Tagesbeginns wurden sie schließlich ab dem ersten gemeldeten Fall in Deutschland. Seither verging kein Morgen ohne Nennung der aktualisierten Zahlen in doppelter Ausführung, denn das Robert-Koch-Institut und die Johns-Hopkins-Universität haben unterschiedliche Strategien, also auch dauerhaft abweichende Zahlen. Ich beziehe mich in diesem Beitrag der Einfachheit halber nur auf die RKI-Zahlen.

Fünfundneunzigtausenddreihunderteinundneunzig Infizierte wurden heute Morgen gemeldet und eintausendvierhundertundvierunddreißig Todesfälle. Im Vergleich zu den gestrigen Zahlen bedeutet dies einen Zuwachs von dreitausendsechshundertundsiebenundsiebzig Infizierten, sowie zweiundneunzig Todesfällen. In Ziffern: 95 391 / 1434 / 3677 / 92

Nun haben wir das schwarz auf weiß. Und nun? Was wollen uns diese nackten Zahlen sagen? Was machen wir mit diesen Zahlen, bzw. was machen diese Zahlen mit uns? Inwieweit tragen sie zur allgemeinen Information bei?

Mich haben sie von Anfang an eher irritiert, weil sie mehr Fragen ausgelöst als beantwortet haben. Zurück blieb ein diffuses Angstgefühl, das ich so nicht stehenlassen wollte.

Eigentlich mag ich Zahlen nämlich gerne. Sie laden mich immer direkt ein, etwas mit ihnen anzustellen. Ich kann an keinem Grabstein vorbeigehen, ohne das Lebensalter des Verstorbenen anhand der beiden Jahreszahlen auszurechnen.

Insofern reizen mich auch die morgendlichen Corona-Zahlen und ich spiele mit ihnen verschiedene Modelle durch, um sie für mich zu deuten. In welchem Verhältnis stehen sie zu einander? Was passiert, wenn ich sie in einen bestimmten Zusammenhang stelle?

Für die heutigen Berechnungen habe ich mich meinem eigenen halbwegs überschaubaren Umfeld zugewandt – dem Landkreis Karlsruhe. Die Zahlen sind vertrauenswürdigen Ministeriumsquellen entnommen, aber ich füge mal vorsichtshalber hinzu: Ohne Gewähr!

Der Landkreis hat 442 700 EinwohnerInnen. Davon sind 505 Menschen mit dem Corona-Virus infiziert (Stand 05.04.), was einen Anteil von 0,11% ergibt; das heißt auf 1000 BewohnerInnen kommt etwas mehr als ein Infizierter. Hochgerechnet auf 100 000 EinwohnerInnen entspricht dies 113,7 Fällen was wiedrum die Infektionsrate (gemeldete Infektionen pro 100 000 Einwohner) für den Landkreis Karlsruhe darstellt.

Wenn ich mir nur diese Zahlen anschaue, erscheint mir die Lage hierzulande recht überschaubar, selbst wenn die Dunkelziffer der Infizierten deutlich höher sein wird. Ich nutze diese Zahlenspiele also, um meinem Angstgefühl etwas entgegenzusetzen. Ein anderer mag das Ganze völlig anders interpretieren und wird durch sie eher alarmiert und in Sorge versetzt.

Genauso ist für mich, die ich nur ungern Auto fahre, die Zahl der Verkehrstoten aus dem Jahr 2019 mit 3059 ein klares Zeichen dafür, dass unbedingt ein Tempolimit her muss, während ein leidenschaftlicher Motorist darauf hinweisen wird, dass wir verkehrspolitisch auf dem richtigen Weg sind, weil die Quote seit den 50er Jahren nicht mehr so niedrig war.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich mit den identischen Zahlen fast jede bereits vorhandene Einstellung begründen lässt.

Eine Antwort auf „Zahlenspiele“

Statistiken auf der Basis von Zahlenerhebungen wirken greifbar und berechenbar. Risiken unter Berechnung aller Eventualitäten scheinen gering. Statistiken sollen Orientierung geben. Im Einzelfalle, wenn es einen trifft dagegen ist es immer 100%. Heißt für mich: die Statistik ist ein Evaluationswert und keine individuelle Leitlinie. Ich habe also sowohl 100 Prozent Hoffnung, dass es gut geht und 100 Prozent Pech, dass ausgerechnet ich dran bin. In allen meinen Lebensbereichen.

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