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All you need OHNE... Veränderung

Oben Ohne

Mittlerweile liegen 49 Tage wechselnde Corona-Zustände hinter uns, und für mich wird es höchste Zeit, eine neue Kategorie einzuführen. „Ohne…“ soll sie heißen, denn was wir derzeit ausprobieren können, ist ein Leben ohne gewisse Selbstverständlichkeiten; die einen sind uns lieb, deshalb vermissen wir sie, die anderen haben uns irgendwie schon immer geärgert. Beginnen möchte ich mit dem Blick nach oben:

Es ist der 3. Mai, und die Sonne scheint am strahlend-blauen Himmel. Dort ist immer noch kein Kondensstreifen weit und breit sichtbar, und bei Nacht stehe ich unter einem Sternenhimmel (fast) ohne künstliche Flugobjekte. Vor hundert Jahren war das die Normalität. Wer weiß – vielleicht wird es irgendwann wieder eine Zukunft geben ohne Flugzeuge, die über den Himmel schweben. Eine Welt „oben ohne“ sozusagen. Und wenn es soweit käme, wie würden künftige Generationen wohl zurückblicken auf die Zeiten der Luftfahrt?

Ein interessantes Gedankenspiel, das im „Book of Life“ sehr anschaulich beschrieben ist. Ein Märchen aus der Zukunft sozusagen:

Eine Welt ohne Flugreisen

Seit Jahren hören wir, dass es wichtig sei, weniger zu fliegen; heute stellen wir uns mal eine Welt vor, in der die Menschen gar nicht mehr fliegen würden.

In dieser Zukunft werden Kinder zu Füßen der Alten sitzen und unerhörten Geschichten lauschen über eine mythische Zeit, als riesige komplizierte Maschinen so groß wie mehrere Häuser sich in die Lüfte erhoben und hoch über dem Himalaya und der Tasmanischen See dahinflogen.

Die weisen Ältesten würden erklären, dass im Inneren des Flugzeugs Passagiere waren, die für dieses Privileg nur den Preis von ein paar Büchern gezahlt hatten; ungeduldig und undankbar verdeckten sie mit Jalousien den Ausblick aus dem Fenster; schweigend saßen sie neben Fremden und beschwerten sich über das Essen in Miniatur-Plastik-Geschirr, das nicht so schmackhaft war, wie das in der eigenen Küche Zubereitete.

Die Ältesten würden hinzufügen, dass die Himmel, die jetzt nur von durchziehenden Schwärmen von Bienen und Spatzen gestört wurden, früher vom donnernden Geräusch der Luft-Giganten gebebt hatte, und dass die Städte dieser Welt zu weiten Teilen durch deren Start- und Landebetrieb erschüttert worden waren.

Vielleicht erwähnen sie, dass empfindsame Menschen in Fulham, einem Vorort des alten London, aufgrund des unablässigen Anflugs von Aluminiumröhren aus Canada und der US-amerikanischen Ostküste, selten länger als bis halb sechs Uhr am Morgen hatten schlafen können.

Am JFK, inzwischen zum Museum geworden, könnte man ganz gemütlich über die beiden Hauptstartbahnen gehen und sogar der Versuchung nachgeben, sich im Schneidersitz direkt auf die Mittellinien zu setzen – eine Geste mit ähnlich erhabenen Schauer, wie das Berühren eines abgeschalteten Hochspannungskabels. […]

Natürlich würde alles sehr langsam gehen. Um nach Rom zu kommen, würde man zwei Tage brauchen, und einen Monat, um endlich jubelnd im Hafen von Sidney einzusegeln. Und doch wären gerade mit dieser trägen Langsamkeit auch Vorteile verbunden.

Diejenigen, die das Zeitalter der Flugzeuge erlebt hatten, würden sich an die Verwirrung erinnern, die sie – nur Stunden nach dem Aufbruch von Zuhause – bei der Ankunft in Mumbai oder Rio, Auckland oder Montego Bay empfunden hatten; die leichte Übelkeit und Verwirrtheit, durch die sich das alte arabische Sprichwort bewahrheitet, nachdem die Seele immer nur so schnell reist wie ein Kamel.

Was immer die Vorteile der massentauglichen und bequemen Luftfahrt auch sein mögen, wir könnten sie auch verfluchen – weil sie schlicht zu einfach ist, zu unspektakulär – und dass sie dadurch unsere aufrichtigen Versuche zunichte macht, uns selbst durch unsere Reise zu verändern.

Die bequeme, massentaugliche Luftfahrt hat zweifellos ihre Vorteile. Dennoch hätten wir allen Grund, sie zu verfluchen: Denn sie macht das Reisen zu einfach, zu unspektakulär, und damit untergräbt sie unsere aufrichtigen Bestrebungen, uns selbst zu verändern auf unseren Reisen. […]

Trotz all dem Chaos und den Unannehmlichkeiten durch unsere vereitelten Flugpläne: Wir sollten dem Virus dankbar sein. Es erlaubt uns, für einen kleinen Moment darüber nachzudenken, worum uns eine flug-freie künftige Welt sowohl beneiden als auch bedauern würde.

Englisches Original unter: https://www.theschooloflife.com/thebookoflife/a-world-without-air-travel/

Ich, als Einmal-im-Leben-Fliegerin, habe großen Spaß an so einer Vorstellung. Wahrscheinlich werde ich noch nicht bei den Alten sein, die den Kindern solche Geschichten erzählen. Aber auch Pferdewagen galten einst als großartige Innovation für die Mobilität, und die finden unsere Kinder ja auch fast nur noch in Museen.

Eine Antwort auf „Oben Ohne“

Ich habe direkt an den Text „Oben Ohne“ denken müssen, nach folgendem Statement (in den Medien) zur aktuellen Situation von Flugreisen: „Die günstigen Tages– und Wochenendausflüge nach Mallorca sind jetzt erstmal nicht mehr möglich.“
Ich hoffe, dass es genügend Menschen gibt, die das nicht als Verlust sehen, sondern neue Reisemöglichkeiten suchen…und dann vielleicht auch noch nachhaltigere Reiseinhalte finden.

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