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Tage wie dieser

Zum Heulen

„Jetzt heult sie schon wieder…“ stöhnte mein älterer Bruder regelmäßig entnervt, wenn ich unsere wilden Spiele nicht anders beenden konnte als mit einem Heulanfall, der zum Eingreifen unserer Mutter sorgte.

Ich wollte keine Heulsuse sein, aber die Tränen kamen schnell, wenn ich wütend, hilflos, verzweifelt war. Und als kleine Schwester war ich das wohl oft, denn ganz lange war der Bruder einfach größer, schneller, stärker, klüger. Auch das aufgeschlagene Knie oder der Spreißel im Daumen waren Anlass für viele Tränen.

Irgendwann waren wir Geschwister ebenbürtig und die Kontrolle über unangenehme Emotionen war gewachsen. Je älter ich werde, umso souveräner kann ich scheinbar mit Gefühlen von Angst, Wut, Schmerz und Verzweiflung umgehen. So jedenfalls mein Anspruch.

Ich heule kaum noch, aber wenn doch, dann passiert etwas ganz Erstaunliches: die Tränen lösen etwas in mir und zeigen mir, wie tief der Schmerz sitzt und wie klein und hilflos ich mich fühle. Dann bin ich „wie aufgelöst“, etwas ist klarer und ehrlicher geworden.

Heute ist Karfreitag, der Feiertag, der seinen Namen hat vom althochdeutschen Wort ‚kara‘, das heißt ‚Kummer‘, ‚Sorge‘. ‚Kara‘ wiederum lässt sich auf das indogermanische Verb ‚gar‘ zurückführen. Und das bedeutet ’schreien, jammern, wehklagen‘ .

Es ist der Tag ‚zum Heulen‘ über all das, was uns erfüllt mit Angst und Schmerz und Wut, mit Trauer und Hoffnungslosigkeit. An diesem Tag brauchen wir keine Antworten suchen, Strategien entwickeln oder Trostversuche anstellen. Heute können wir der Klage, dem Jammer, den Tränen Raum geben bis wir wie aufgelöst sind.

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