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All you need Tage wie dieser

Black Friday

Der Tag, an dem Händler in der Stadt und im Netz die Preise ganz tief sinken lassen. Damit sinkt auch die natürliche Kauf-Hemmschwelle bei den Konsumenten. Wenn da eine 50% auf einem schwarzen Hintergrund erscheint, heißt es: Zugreifen! So einen Deal gibt es nur einmal!

Der Tag, an dem Menschen also unglaublich viele Dinge kaufen. Die Frage nach dem Wozu oder Wofür tritt bei solchen Angeboten in den Hintergrund. Erst werden Warenkörbe und Einkauftüten gefüllt, dann Schränke, Regale, Keller; erst die eigenen und dann die der anderen: So macht Schenken Freude!

Der Tag, an dem es keine Rolle spielt, woher das Produkt kommt und wohin das Produkt geht. Denn es muss schnell gehen! Nur noch heute gilt der Deal. Produktionsbedingungen, Entsorgungsfragen – müssen leider hinten anstehen (am besten maskiert und mit viel Abstand).

Der Tag, an dem modernes Leben auf Konsumieren reduziert wird. Ich kaufe, also bin ich – ein gut funktionierender Teil unserer Konsumgesellschaft. Und ich bin damit auch gut beschäftigt. Es gilt ja Pakete auszupacken, anzuprobieren, Retouren einzupacken, Finanzierungen zu regeln.

Der Tag, der Millionen von Paketen auf die Straße bringt. Und vor unser Haus. Kontaktlos und meistens richtig schnell. Einkaufen war noch nie so einfach wie heutzutage: Mausklick – das klingt niedlich.

Ein Tag, an dem ziemlich viel richtig verkehrt läuft – nur der Name stimmt:

BLACK FRIDAY – Ein wahrhaft schwarzer Tag.

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Slow Month system(ir)relevant

Slow Contact

So ist das, wenn man versucht, ein durchgehendes Motto zu generieren: Man landet bei Merkwürdigkeiten wie einem „Slow Contact“…

Will sagen, ich schreibe Briefe statt Signal- oder Telegram-Nachrichten. Natürlich nicht, wenn’s um die Frage nach dem Abendessen oder um eine Terminabsprache geht. Aber wenn ich einer guten Freundin erzählen will, was gerade bei mir so läuft oder eben nicht läuft, habe ich in den letzten Jahren doch eher zur Tastatur und schließlich zum mobilen Endgerät gegriffen als zu Stift und Briefpapier. Wirklich schnell bin ich ja nicht beim Tippen, aber die Zustellung des Geschriebenen passiert halt ohne jeglichen Verzug und vermittelt damit den Eindruck einer fast direkten Kommunikation. Ich schreibe, drücke auf „send“, und schon muss mein Gegenüber entscheiden, ob und wann er/sie meine Nachricht lesen will.

Zwei Briefe habe ich heute geschrieben, und so langsam lässt der Krampf im Handgelenk nach. Hier ist sie also wieder: Die prophezeite Kraftanstrengung dieses zu entschleunigenden Monats!

Etwas fremd fühlt es sich noch an, mithilfe von Tinte und Füllfeder Gedanken als Worte auf ein DIN A4 Papier zu bringen, die man nicht mehr im Nachhinein noch umstellen, korrigieren oder ganz löschen kann. Was nicht passen will, muss durchgestrichen werden – und bleibt damit gut sichtbar für die Adressatin.

Sie ist auch die alleinige Empfängerin meiner Zeilen: Keine Kopie unter „Sent“ im E-Mail-Postfach und kein Chatverlauf zum Nachlesen. Sobald ich den Umschlag schließe, ist das Geschriebene für mich nicht mehr zugänglich. Ich vertraue es der Freundin an, und ihr allein. Was sie damit tut, ob sie antworten mag, und wann – das ist ihre Sache. Ich warte nicht auf die beiden blauen Häkchen im Chatverlauf oder eine AW:-Mail. Es wird kein Hin- und Her von Nachrichten geben, bis endlich ein freundliches Emoji zum Abschied winken darf. Das hat was!

Und falls sie auf meinen Brief antworten will, dann gerne ganz langsam. Mein Briefkasten ist geduldig.

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Corona-Zeiten Slow Month Veränderung

Slow Motion

Ein Entschleunigungs-Feature für meinen „Slow November“ setzt ganz praktisch und naheliegend im Bereich der Fortbewegung an. Strecken, die ich üblicherweise mit dem Rad zurücklege, gehe ich zu Fuß. Wo ich sonst das Auto nehme steige ich auf’s Fahrrad oder in die Bahn.

Seit fünf Tagen praktiziere ich nun diese Form der „Slow Motion“ und kann bereits erste Erkenntnisse zur benötigten Kraftanstrengung festhalten: Natürlich brauche ich mehr körperliche Kraft, um nach Leopoldshafen zu laufen, oder nach Neureut zu radeln, aber das kann ich ja direkt auf mein Fitness-Konto buchen, wo es sich positiv auswirkt. Kein Problem also an dieser Stelle.

Schwierig wird es bei der benötigten Zeit. Davon muss ich von vornherein mehr einplanen, und zwar mindestens doppelt so viel wie mit der herkömmlichen Fortbewegungsform. Und genau hier beginnt der Kraftakt: Noch bevor ich meine lauftauglichen Schuhe anziehe, überlege ich, was ich in dieser Zeit noch alles würde erledigen können. Und wenn ich auf’s Rad steige, wird mir klar, dass ich mit dem Auto effizienter einkaufen und früher kochen könnte.

Wirklich erstaunlich, dass solche Gedanken sich vordrängen, obwohl ich in dieser Woche im Vergleich zum Oktober nur ein Viertel an Terminen habe! Ganz offensichtlich ist mehr als genug Zeit da, und wenn ich dann mal unterwegs bin, freue ich mich an der Bewegung.

Es ist also dieser fiese Druck, meine Zeit möglichst produktiv und effizient zu verbringen, der sich der Entschleunigung in den Weg stellt! Ihn frontal anzugreifen und auseinanderzunehmen, ist mir im Moment noch nicht möglich. So versuche ich es erstmal mit Ignorieren und Ausweichen und fahre, bzw. laufe bisher recht gut damit. 😉

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Corona-Zeiten Slow down Veränderung

Kraftanstrengungen

Jens Spahn, der genesene Gesundheitsminister, hat am 1. November im heute-journal bei Marietta Slomka eine interessante Ansage gemacht. Er sagte, jetzt sei „zuerst einmal eine nationale Kraftanstrengung im November“ nötig, die Devise heiße „Entschleunigung für alle“.(*)

Auf den ersten Blick erschien mir das etwas dramatisch, aber vor allem paradox: Es soll langsamer zugehen für alle, und dafür braucht es eine enorme Kraftanstrengung? 🤔

Aber tatsächlich kann Entschleunigung durchaus anstrengend sein. Dazu muss man nur mal die Übungen im Fitness-Studio oder auf der eigenen Matte in Zeitlupe ausführen. Da kommen nochmal andere Kräfte ins Spiel.

Nun wird seit Montag das öffentliche und private Leben durch die neuen Corona-Verordnungen gedrosselt, und die Worte von Herrn Spahn über die nationale Kraftanstrengung scheinen schon nach drei Tagen zutreffender, als ich zunächst dachte.

Ich habe viel weniger Termine und Verpflichtungen, aber eine spürbare Erleichterung will sich nicht einstellen. Es fühlt sich eher schwerer und mühsamer an, durch den Tag zu gehen. Und wenn ich meine Mitmenschen auf der Straße oder auf den Bildschirmen betrachte, dann verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Wo und warum wird das Leben durch die Verlangsamung eigentlich anstrengender? Welche Kraftakte sind angesichts der kollektiven Entschleunigung gefordert?

Diesen Fragen will ich mich in den kommenden Tagen und Wochen im Rahmen einer Kleinst-Studie widmen. #Slow Month.

(*) und wendet sich damit an eine Nation, der es auf Autobahnen nicht schnell genug gehen kann 😃

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

Die Zweite Welle

Es ist nicht so, dass ich mit diesem Beitrag auf sie gewartet hätte, die zweite Corona-Welle. Dass ich so lange nichts auf den Bildschirm gebracht habe, lag eher am kräftigen Wellengang in meinem ganz persönlichen Leben. Von wegen „Zeit zum Schreiben“, wie ich noch am 21. Mai formuliert hatte…

Nun kehrt durch die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch in meinem Leben wieder Ruhe ein; und ich fang einfach wieder an, zu schreiben:

Seit ich das erste Mal auf einer Nordseeinsel am Strand gestanden bin, üben Wellen eine große Anziehungskraft auf mich aus. Das Meer an sich ist großartig, aber wenn Bewegung in diese Unmengen an Wasser kommt, es lebendig wird, wild und ungestüm – dann kann ich mich gar nicht satt sehen. Und wenn dann noch die Außentemperatur stimmt, zieht es mich mit Macht hinein in die Wellen.

Da wir nahezu alljährlich unseren Urlaub an der Nordsee verbringen, konnte ich schon einige Erfahrungen beim Wellenbaden machen; trotzdem scheine ich nur bedingt aus den Vorjahreserlebnissen zu lernen. In meinem Eifer stürze ich mich bei der erstbesten Gelegenheit ins Wasser, meistere die ersten Wellen souverän, um kurz darauf von einer deutlich kraftvolleren Woge von den Füßen geholt und zu Boden gedrückt zu werden. So beginnt mein Nordseeurlaub traditionell mit Abschürfungen an den Gliedmassen und Salzwasser im Kopf.

Eine Welle kommt nie allein. Das lehrt schon der Blick über das Meer, wie es hin- und herwogt. Nun hat man für die Pandemie-Entwicklungen ausgerechnet diese Metapher ausgesucht. Bleiben wir im Bild, dann war die zweite Welle unausweichlich. Den Sommer haben wir im Wellental verbracht, aber jetzt sehen wir die nächste Welle unaufhaltsam auf uns zukommen.

Ausgehend von meinen Erlebnissen in den Nordsee-Wellen gehe ich davon aus, dass wir nicht ohne Blessuren durchkommen werden. Wie sollten wir auch – ist ja unser erstes Corona-Pandemie-Jahr und wir können nicht mal auf Erfahrungswerte zurückgreifen (die in meinem Fall erst im Nachhinein zu kurzlebigen Erkenntnissen geführt haben). So muss wohl zwangsläufig jeder auf seine Weise und an seinem Platz herausfinden, wie er am besten mit der Welle klarkommt. Dass wir einander bei diesen mitunter bizarren Versuchen immer wieder fassungslos zuschauen, ist wohl ebenso unvermeidlich.

Um bei hohen Wellen überhaupt ins Meer und damit auf die Welle zu kommen, muss man übrigens in sie hinein- und durch sie hindurchtauchen. Das braucht einiges an Mut – ist aber der einzige Weg.

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Corona-Zeiten

Im Strömungskanal

Lange habe ich nichts mehr schriftlich festgehalten, ziemlich genau sechs Wochen. Obwohl meine „letzten Worte“ etwas ganz anderes verheißen haben. „Zeit zum Schreiben“ wollte ich mir nehmen. Keine einzige Zeile ist entstanden, dafür viele wirre Gedanken, die mir mehr und mehr auf den Magen geschlagen sind.

Ein Bild kam mir in den Sinn, das meinen Zustand in den letzen Wochen ganz gut beschreibt: Der Strömungskanal, wie er in vielen Spaß- und Erlebnisbädern zu finden ist. Der Spaß besteht darin, dass man von der Strömung weggetragen wird, kaum Schwimmen muss und dabei richtig schnell wird. So soll möglicherweise das Erlebnis erzeugt werden, als ob man in einem Fluss schwimmt.

Stellen wir uns also so ein Strömungsbecken vor, dann wäre zu Beginn des Lockdowns der Motor auf Null gestellt. Das Wasser steht still im Kanal und alle Strömungsschwimmer hängen am Rand oder paddeln gemächlich mit eigener Kraft durch’s Wasser. Nach fünf Wochen in diesem Zustand spürt man plötzlich, wie eine leichte Bewegung im Wasser entsteht – der Motor ist wieder angelaufen, auf kleinster Stufe. Langsam aber kontinuierlich nimmt die Kraft der Strömung zu. Bald lassen die ersten den Beckenrand los und gleiten gemächlich durch die Wellen. Ich stehe immer noch am Beckenrand und wundere mich über die Selbstverständlichkeit, mit der sich einer nach dem anderen in den Strom wirft. Irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass etwas anders wird, dass ich mir Gewohnheiten hinüber rette; dass es vielleicht ein Umdenken gibt. So ein umfassendes und globales Umdenken – nicht nur um uns alle vor dem Virus zu schützen, sondern um das Leben insgesamt zu ehren und zu bewahren.

Das war wahrscheinlich naiv, so zu hoffen.

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All you need system(ir)relevant

Meine Existenz

die wirtschaftliche jedenfalls – ist nicht bedroht. (*)

Das war mir im Grunde meines Herzens zwar bewusst, aber nun habe ich es schwarz auf weiß, bescheinigt von ganz offizieller Seite:

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg hat meinen Antrag auf die „Soforthilfe Corona“ postwendend abgelehnt, weil die Fakten, die ich zur Begründung liefern konnte (Ausfall von Honorarzahlungen für ein knappes VHS-Semester), keine existenzgefährdende Wirtschaftslage erkennen lassen“.

Nein, meine Existenz hängt natürlich nicht von dieser Dozentinnen-Tätigkeit ab, und deshalb hab ich auch lange gar nicht daran gedacht, das vierseitige Online-Formular auszufüllen.

Aber dann lief Anfang Mai die heute-show mit einer Satire über Steuervermeidung einiger deutscher Dax-Konzerne, und die brachte mich ins Nachdenken. Schließlich dachte ich Folgendes: Wenn diese Firmen den Staat durch die Gründung von Tochtergesellschaften auf den Caiman-Inseln zuerst um eine Menge Steuern bringen, nach vier Wochen Kurzarbeit nun scheinbar ruiniert sind, und jetzt völlig schamlos Hilfen von der gleichen öffentlichen Hand einfordern, dann bin ich doch mal so richtig dreist und schicke diesen Antrag ab! Manchmal muss man einfach was Verrücktes tun…

Aber zurück zur guten Nachricht meiner offensichtlich unbedrohten und damit nicht förderwürdigen wirtschaftlichen Existenz. In Kombination mit der ebenso nachgewiesenen Irrelevanz für das System steckt für mich darin ein großes Stück Freiheit!

Und ganz praktisch habe ich durch die Ablehnung sogar einen realen Zeitgewinn, denn ich muss mir nicht überlegen, was ich mit dem Geld mache oder wofür ich es ausgebe und spare somit unzählige Stunden des Suchens und Entscheidens.

Zeit, in der ich schreiben kann😉

(*) Für den restlichen Teil gilt immer noch: https://www.systemirrelevant.de/tag/leben-und-tod/

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Corona-Zeiten Veränderung

Lockerungen

Komisch: Überall wird jetzt gelockert – nur ich fühle mich immer verspannter…🤔

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Corona-Zeiten Veränderung

Back to Normal?

Dieser Tage wird immer wieder davon gesprochen, dass es eine Rückkehr zur Normalität geben wird, ja geben muss; sicher wird dies ein längerer Prozess sein, aber am Ende soll eine „neue Normalität“ auf uns alle warten und uns belohnen für wochenlangen Verzicht.

Wenn es die „Normalität“ sein soll, die wir am 16. März hinter uns gelassen haben, dann erwarten uns unter anderem verstopfte Autobahnen und Gedrängel an der Warteschlange. Kreuzfahrtschiffe werden wieder die schönsten Städte Europas mit Tausenden von Passagieren fluten, und Touristen können ihre spektakulären Urlaubsbilder auf Instagram posten. Unsere Hähnchen-Teile landen wieder auf dem Markt von Kampala, Uganda, während der Plastikwertstoff zum „Recycling“ nach Südostasien verschifft wird. Statt über Corona-Tote wird über Anschlagsopfer in Kabul berichtet und Polizisten verbringen ihre Samstage wieder vor Fußballstadien.

Unsere Terminkalender sind wieder gefüllt und an den Schulen können endlich bewertbare Leistungsnachweise erbracht werden. In den Supermärkten bleiben dann wieder genügend Lebensmittel übrig, um die Tafeln ordentlich auszustatten. Die Mülltüten in den Kinosälen sind wieder voll mit Popcorn-Eimern und Eisverpackungen und irgendwann wird auch gefeiert werden, mit richtig vielen Menschen, richtig lauter Musik, Bierdosen und Sekt.

Ich gebe zu, bei diesen Aussichten hält sich meine Vorfreude in engen Grenzen. Aber wer sagt, dass wir in genau diese Normalität zurück sollen. Es gab schon diverse andere Formen der Normalität vor der aktuellen, an die wir uns gewöhnt haben.

Anfang der Siebziger galt es zum Beispiel als normal, ein Auto pro Familie zu besitzen, einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, und die Möbel, die man zur Hochzeit erworben hatte, zu nutzen, bis sie auseinanderfielen. Der Raumbedarf belief sich auf 26,4qm pro Person (vor zwei Jahren waren es 46,7qm) und in der Regel genügte ein Einkommen, um eine Familie ganz gut zu ernähren.

Ich weiß, man wird leicht sentimental, wenn es um eigene Kindheit- und Jugendzeiten geht, aber ich plädiere dringend für eine umfassendere Vorstellung von Normalität. Außerdem: Nur weil etwas als normal gilt, heißt das noch lange nicht, dass es per se gut und deshalb schützenswert ist. Und auch wenn ganz viele Menschen das Gleiche tun, so kann das doch ziemlich daneben sein.

Der vielzitierte Begriff der „neuen Normalität“ könnte darauf hinweisen, dass nicht alles genauso werden wird, wie es vorher war. Hoffentlich bedeutet er nicht, dass wir uns beim gewohnten Treiben nur mit etwas mehr Abstand bewegen und eine Maske aufsetzen.

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All you need OHNE... Veränderung

Oben Ohne

Mittlerweile liegen 49 Tage wechselnde Corona-Zustände hinter uns, und für mich wird es höchste Zeit, eine neue Kategorie einzuführen. „Ohne…“ soll sie heißen, denn was wir derzeit ausprobieren können, ist ein Leben ohne gewisse Selbstverständlichkeiten; die einen sind uns lieb, deshalb vermissen wir sie, die anderen haben uns irgendwie schon immer geärgert. Beginnen möchte ich mit dem Blick nach oben:

Es ist der 3. Mai, und die Sonne scheint am strahlend-blauen Himmel. Dort ist immer noch kein Kondensstreifen weit und breit sichtbar, und bei Nacht stehe ich unter einem Sternenhimmel (fast) ohne künstliche Flugobjekte. Vor hundert Jahren war das die Normalität. Wer weiß – vielleicht wird es irgendwann wieder eine Zukunft geben ohne Flugzeuge, die über den Himmel schweben. Eine Welt „oben ohne“ sozusagen. Und wenn es soweit käme, wie würden künftige Generationen wohl zurückblicken auf die Zeiten der Luftfahrt?

Ein interessantes Gedankenspiel, das im „Book of Life“ sehr anschaulich beschrieben ist. Ein Märchen aus der Zukunft sozusagen:

Eine Welt ohne Flugreisen

Seit Jahren hören wir, dass es wichtig sei, weniger zu fliegen; heute stellen wir uns mal eine Welt vor, in der die Menschen gar nicht mehr fliegen würden.

In dieser Zukunft werden Kinder zu Füßen der Alten sitzen und unerhörten Geschichten lauschen über eine mythische Zeit, als riesige komplizierte Maschinen so groß wie mehrere Häuser sich in die Lüfte erhoben und hoch über dem Himalaya und der Tasmanischen See dahinflogen.

Die weisen Ältesten würden erklären, dass im Inneren des Flugzeugs Passagiere waren, die für dieses Privileg nur den Preis von ein paar Büchern gezahlt hatten; ungeduldig und undankbar verdeckten sie mit Jalousien den Ausblick aus dem Fenster; schweigend saßen sie neben Fremden und beschwerten sich über das Essen in Miniatur-Plastik-Geschirr, das nicht so schmackhaft war, wie das in der eigenen Küche Zubereitete.

Die Ältesten würden hinzufügen, dass die Himmel, die jetzt nur von durchziehenden Schwärmen von Bienen und Spatzen gestört wurden, früher vom donnernden Geräusch der Luft-Giganten gebebt hatte, und dass die Städte dieser Welt zu weiten Teilen durch deren Start- und Landebetrieb erschüttert worden waren.

Vielleicht erwähnen sie, dass empfindsame Menschen in Fulham, einem Vorort des alten London, aufgrund des unablässigen Anflugs von Aluminiumröhren aus Canada und der US-amerikanischen Ostküste, selten länger als bis halb sechs Uhr am Morgen hatten schlafen können.

Am JFK, inzwischen zum Museum geworden, könnte man ganz gemütlich über die beiden Hauptstartbahnen gehen und sogar der Versuchung nachgeben, sich im Schneidersitz direkt auf die Mittellinien zu setzen – eine Geste mit ähnlich erhabenen Schauer, wie das Berühren eines abgeschalteten Hochspannungskabels. […]

Natürlich würde alles sehr langsam gehen. Um nach Rom zu kommen, würde man zwei Tage brauchen, und einen Monat, um endlich jubelnd im Hafen von Sidney einzusegeln. Und doch wären gerade mit dieser trägen Langsamkeit auch Vorteile verbunden.

Diejenigen, die das Zeitalter der Flugzeuge erlebt hatten, würden sich an die Verwirrung erinnern, die sie – nur Stunden nach dem Aufbruch von Zuhause – bei der Ankunft in Mumbai oder Rio, Auckland oder Montego Bay empfunden hatten; die leichte Übelkeit und Verwirrtheit, durch die sich das alte arabische Sprichwort bewahrheitet, nachdem die Seele immer nur so schnell reist wie ein Kamel.

Was immer die Vorteile der massentauglichen und bequemen Luftfahrt auch sein mögen, wir könnten sie auch verfluchen – weil sie schlicht zu einfach ist, zu unspektakulär – und dass sie dadurch unsere aufrichtigen Versuche zunichte macht, uns selbst durch unsere Reise zu verändern.

Die bequeme, massentaugliche Luftfahrt hat zweifellos ihre Vorteile. Dennoch hätten wir allen Grund, sie zu verfluchen: Denn sie macht das Reisen zu einfach, zu unspektakulär, und damit untergräbt sie unsere aufrichtigen Bestrebungen, uns selbst zu verändern auf unseren Reisen. […]

Trotz all dem Chaos und den Unannehmlichkeiten durch unsere vereitelten Flugpläne: Wir sollten dem Virus dankbar sein. Es erlaubt uns, für einen kleinen Moment darüber nachzudenken, worum uns eine flug-freie künftige Welt sowohl beneiden als auch bedauern würde.

Englisches Original unter: https://www.theschooloflife.com/thebookoflife/a-world-without-air-travel/

Ich, als Einmal-im-Leben-Fliegerin, habe großen Spaß an so einer Vorstellung. Wahrscheinlich werde ich noch nicht bei den Alten sein, die den Kindern solche Geschichten erzählen. Aber auch Pferdewagen galten einst als großartige Innovation für die Mobilität, und die finden unsere Kinder ja auch fast nur noch in Museen.