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Corona-Zeiten Veränderung Von Gestern

#wisst ihr noch?

Vor einem Jahr startete ich diesen Blog mit einem Beitrag unter dem Titel #wirbleibenzuhause. Heute kann ich nur staunen über die damalige Bereitschaft in weiten Teilen der Bevölkerung, sich hinter diesem Hashtag zu versammeln. So vieles hat sich seither verändert…

Das WIR hat sich in der pluralen und vielschichtigen Gesellschaft aufgelöst. Die Interessen der ganz unterschiedlich Betroffenen klaffen weit auseinander. Und wenn es noch doch noch mal auftaucht, dieses WIR, dann nur im Gegensatz zu DEN ANDEREN.

BLEIBEN will auch keiner mehr so richtig. Weder im muffigen Homeoffice, noch über Ostern in der eigenen Nachbarschaft.

Und das ZUHAUSE, das war doch mal der Ort, zu dem man nach langen Arbeitstagen müde aber zufrieden heimkehren konnte, um den Abend zu feiern. Diesen Ort gibt es für viele von uns so nicht mehr. Zuhause – das ist jetzt der Immer-Ort, und der fühlt sich irgendwie zäh an und klebrig.

Heute lese ich in meinem allerersten Beitrag vom 24. März 2020 wie froh ich war um die „Erlaubnis, zuhause zu bleiben“. Damals war ich „von ein paar Wochen“ in diesem Zustand ausgegangen.

Wie man sich doch täuschen kann…

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Slow down Slow Month

Slow Rage

Also, manchmal möchte ich am liebsten einfach dreinschlagen. So viel Dummheit, so viel Möchte-Gern-Gehabe, so viel Selbstgerechtigkeit und Blindheit auf anscheinend allen Kanälen!

Es gab Zeiten, da wusste man noch, wohin man schlagen musste, um den vermeintlich richtigen zu treffen. Aber auch die haben sich geändert – wie so vieles. Seit einigen Wochen beobachte ich ein merkwürdiges Phänomen: Sobald ich meine Wut auf ein Ziel ausrichte, verschwimmt es mir förmlich vor den Augen und direkt daneben taucht eine weitere Zielscheibe auf, die gleich darauf auch wieder aus dem Blickfeld driftet. Kurz gesagt: Ich weiß nicht mehr, wohin mit meiner Wut.

Nur ein Beispiel: Ich höre Morgenradio und rege mich einmal mehr über die Zahlen auf, die sich seit einem Jahr erbarmungslos über die Hörerschaft ergießen (Neuinfektionszahlen, Inzidenzwerte, Todesfallzahlen, Impfzahlen, etc.). Zahlen ohne rechten Zusammenhang und Relation; Zahlen, die unbedingt zu interpretieren und einzuordnen wären oder besser ganz aus den Kurznachrichten verschwinden würden.

Während ich mich also eben noch gepflegt über die Einfalt der Darstellung beim Deutschlandfunk aufrege, fällt mir ein, dass andere mit diesen durchaus fragwürdigen Zahlen gleich die ganze Pandemie in Frage stellen; sie prangern eine „Corona-Diktatur“ an und setzen sich dreist über geltende Regeln hinweg.

Und so verrutscht meine Wut in Richtung dieser sogenannten Corona-Leugner und versucht sich gerade noch dort anzuheften, als ich im Netz Kommentare lese, die vor Hohn und Verachtung für jene Menschen nur so triefen; und schon rollt meine Wut auf die hasserfüllten anonymen Verfasser zu. Von dort ist es nicht weit zu den sogenannten Sozialen Medien und deren enormen Einfluss auf Nutzer und Gesellschaft. Und schließlich landet das, was noch an Ärger übrig ist, bei Facebook, Google und Twitter – der ungefähr größten Zielscheibe, die man sich denken kann – und verschwindet.

Was ist passiert: Durch die ständige Ablenkung hat meine Wut deutlich an Schlagkraft verloren; nach der fünften Wendung ist im Grunde kaum noch was davon übrig. Zurück bleibt ein Gefühl der Verwirrung und Vernebelung und tatsächlich auch der Verlangsamung. Ohne es zu wollen habe ich anscheinend eine neue Disziplin der Entschleunigung entdeckt: Slow Rage!

Ob das ein Tool werden könnte gegen Hass und Hetze online und auf der realen Straße? Man müsste nur vor jeder Äußerung oder Handlung den Blick durch den (virtuellen) Raum schweifen lassen und die Wut wie eine Billardkugel auf den Weg schicken. Die rollt irgendwann aus und bleibt liegen oder verschwindet mit einem Plob in einem der Löcher.

Ok, das Bild hinkt: Bis eine Billardkugel wieder ruhig auf dem Tisch liegt, hat sie meist schon einige gegnerische Kugeln aus dem Weg geräumt…

Aber besser ein hinkendes Bild als blinde Wut – oder was war der Punkt? Genau: Ich wollte eigentlich irgendwo reinschlagen…

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Corona-Zeiten Slow down Slow Month

Slow Month Bilanz

Mein Plan war, den November zu meinem langsamen Monat zu machen und zu sehen, wohin mich die Entschleunigung führt. Dieses Vorhaben wurde kräftig unterstützt durch all die zusätzlichen Maßnahmen und Einschränkungen, die bis heute gelten. Dazu kamen noch die stillsten Weihnachtstage meines Lebens und das gechillteste Sylvester aller Zeiten.

Dass ich trotzdem so wenig geschrieben habe, sagt schon einiges über meine Erfahrungen mit der Entschleunigung. Es ist eigentlich auch nicht besonders überraschend – aber indem ich das, was ich tue, verlangsame, brauche ich natürlich mehr Zeit für die alltäglichen (Besorgungen, Kochen, Wäsche…) und besonderen Dinge (Kontakte, Hörbücher, Gespräche…). Und ein ganz normaler Tag füllt sich zuverlässig auch ohne weitere Termine, Verpflichtungen und Sonder-Aktionen.

Es fühlt sich im Großen und Ganzen recht gut an, weniger getrieben und weniger hektisch durch die Tage und Wochen zu gehen. Es könnte sogar zu einem Lebensstil werden, zu meiner eigenen Normalität – wenn da nur nicht das hohe Tempo um mich herum und in mir drin wäre:

Trotz oder wegen Lockdown rasen die Autos noch schneller an mir vorbei; was natürlich auch an meiner eigenen Gehweg-Perspektive liegen könnte.

Die Möglichkeiten, die das Internet als Ersatz für alles Präsentische bietet, schießen wie Pilze aus dem Boden. Das Leben wird auf den Bildschirm verlagert; Video-Konferenzen sorgen dafür, dass „die Läden laufen“. Wenn keiner mehr Wege zurücklegen muss, passen noch mehr Meetings in einen Arbeitstag als vorher. Mit ca. vier Klicks lassen sich Ort und Teilnehmer geschmeidig wechseln. Hier geht es mir ein bisschen wie draußen auf dem Bürgersteig: Ich bin im Vergleich langsam, etwas widerständig, latent gestresst und irgendwie „außen vor“.

Als vorläufiges Ergebnis meiner entschleunigten Monate kann ich festhalten: Es entsteht ein Gefühl von Fremdheit, von Anders-Sein, wenn ich das vorgegebene Tempo nicht mitgehe. Es gilt permanent, den inneren Antreiber in die Schranken zu weisen, denn der hat genügend Ideen, was noch alles in diesen Tag hätte platziert werden können. Und schließlich muss einem inneren Bewerter und Abhaker getrotzt werden, der vorgaukelt, dass ich besser bin, je mehr ich erledigt habe.

Ohne Anspruch auf Belastbarkeit meiner Kleinst-Studie kann ich also tatsächlich einen überraschenden Zusammenhang zwischen Entschleunigung und Kraftanstrengung verifizieren.

Das Bild vom Strömungskanal vom letzten Juni kommt mir in den Sinn. Entschleunigung bedeutet eben nicht, mich im Strom treiben zu lassen und das jeweilige Tempo mitzunehmen. Es fühlt sich eher an wie Gegen-den-Strom-Schwimmen – kein Wunder also, dass es ziemlich viel Kraft braucht…

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Slow down Slow Month

Slow Cooking

Im Rahmen meines deutlich verlängerten Slow Month kann ich auch einige Erfahrungen im Bereich „Slow Cooking“ machen. Immerhin leben wir zu viert unter einem Dach und das warme Mittagessen ist für alle ein zentrales Ereignis des Tages.

Um dieses zu gewährleisten braucht es außer der Zeit zum Zubereiten vor allem immer wieder eine gute Idee und die entsprechenden Zutaten (was für mich der problematische Part am Kochen ist, denn Einkaufen tue ich nicht gerne). Über die Jahre habe ich Routine am Herd entwickelt und mit unterschiedlichen Zubereitungsarten experimentiert. Eine Stunde plane ich in der Regel ein für die Zubereitung einer warmen, nährenden Mittagsmahlzeit für drei bis vier Personen.

Nun neigen regelmäßig wiederkehrende Tätigkeiten leider dazu, einem lästig zu werden und man versucht in der Folge, sie effizienter – d.h. weniger raumgreifend – zu organisieren. So ist das offensichtlich auch mit dem Kochen. Um alle am Herd Stehenden zu entlasten, hat die Ernährungsindustrie eine riesige Palette an halbfertigen, fertigen und sonstwie erledigten Produkten geschaffen. Das Aufwändigste an diesen ist der Gang zum Supermarkt, den Rest übernehmen die einschlägigen Haushaltsgeräte. Wie oft haben mir schon die Maultaschen aus dem Kühlregal oder die Pommes aus der Truhe den knappen Mittagszeitplan gerettet…

Durch den Teil-Lockdown fielen nun im November fast alle Vormittagstermine weg, die ansonsten meine Kochzeit limitiert hatten. Beste Voraussetzungen also, um die Convience-Theke zu meiden und in Muße und aller Ruhe ans Werk zu gehen. Die nicht-überraschende Erkenntnis: Für ein Gericht, bestehend aus gedämpften Kartoffeln, Grünkohl, Karotten (weil der Grünkohl nicht bei allen so gut ankommt) und Würstchen, stehe ich mindestens zwei Stunden in der Küche. Die meiste Zeit davon benötige ich für das Vorbereiten des Gemüses, das direkt vom Acker kommt.

Nach einigen solcher umfangreichen Kocherlebnisse stehen unangenehme Fragen im Raum: Warum kommt mir mein Slow Cooking – trotz des fancy Namens – so banal vor? Wo bleibt die Euphorie, wie man sie von diversen Koch-Shows kennt?

Weil sich das Schälen und Schnibbeln einfach nicht wie Kochen anfühlt! Weil zum Kochen das Feuer gehört – wenn schon nicht vom Grill, dann doch am Herd – und alles davor (und danach) schnell lästig wird. Mir jedenfalls.

Natürlich hab ich es mit achtsamem Kartoffelschälen versucht und liebevollem Grünkohlwaschen. Und wenn ich das Zubereiten der Nahrung als etwas Bedeutendes und Zentrales für unser Wohlergehen verstehe, dann müsste es doch gelingen, in aller Ruhe die Zwiebeln zu schneiden.

Müsste… Gelingt aber nicht so oft, wie ich es mir für mein entschleunigtes Kochen und überhaupt wünschen würde. Ob es anders wäre, wenn ich keine bequemen Alternativen hätte? Wenn all die Handgriffe unvermeidlich wären? Wie früher, als ich selbst noch jeden Tag mit bekocht wurde.

Da muss ich mal meine Mutter fragen. Sie ist die wahre Meisterin des Slow Cooking. Am besten schaue ich mal wieder zu, wie sie Petersilie behandelt – vom Beet bis zur Zierde der Suppe. Dann werde ich einmal mehr erkennen, was hier möglich ist und wie weit mein Weg noch ist.

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Slow down Slow Month

Slow Thinking

Oder: Der Beitrag mit den drei Punkten…

Das Denken verlangsamen?!? Scheint eine Königsdisziplin der Entschleunigung zu sein. Und ich bin blutige Anfängerin…

Ich komme nicht hinterher, mir über all das Gedanken zu machen, was mir angeboten wird. Nicht ansatzweise. Meine Gedanken jagen wie die Hunde hinter den Hasen her. Zuviel Input…

Klar, es gibt Möglichkeiten, den Input zu drosseln. Ich könnte Radio und Fernsehen auslassen, nur einen Artikel in der Zeitschrift lesen, die lockenden Clips ignorieren…

Aber diese Impulse sind wie die Hasen, die aus immer neuen Löchern krabbeln und im Hund den Jagdtrieb wecken. Schwer zu ignorieren. Dem Jagdhund müsste man dafür vielleicht die Nase zuhalten und ihm was zu essen geben.

Bei mir wären wohl eher Augen und Ohren zu blockieren. Essen könnte auch helfen, hätte aber evtl. unerwünschte Nebenwirkungen…

Immerhin: Manchmal verlangsamt sich das Denken, wenn ich meine Wege gehe – und die Ohrstöpsel zuhause gelassen habe…

Ich übe weiter…

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All you need Tage wie dieser

Black Friday

Der Tag, an dem Händler in der Stadt und im Netz die Preise ganz tief sinken lassen. Damit sinkt auch die natürliche Kauf-Hemmschwelle bei den Konsumenten. Wenn da eine 50% auf einem schwarzen Hintergrund erscheint, heißt es: Zugreifen! So einen Deal gibt es nur einmal!

Der Tag, an dem Menschen also unglaublich viele Dinge kaufen. Die Frage nach dem Wozu oder Wofür tritt bei solchen Angeboten in den Hintergrund. Erst werden Warenkörbe und Einkauftüten gefüllt, dann Schränke, Regale, Keller; erst die eigenen und dann die der anderen: So macht Schenken Freude!

Der Tag, an dem es keine Rolle spielt, woher das Produkt kommt und wohin das Produkt geht. Denn es muss schnell gehen! Nur noch heute gilt der Deal. Produktionsbedingungen, Entsorgungsfragen – müssen leider hinten anstehen (am besten maskiert und mit viel Abstand).

Der Tag, an dem modernes Leben auf Konsumieren reduziert wird. Ich kaufe, also bin ich – ein gut funktionierender Teil unserer Konsumgesellschaft. Und ich bin damit auch gut beschäftigt. Es gilt ja Pakete auszupacken, anzuprobieren, Retouren einzupacken, Finanzierungen zu regeln.

Der Tag, der Millionen von Paketen auf die Straße bringt. Und vor unser Haus. Kontaktlos und meistens richtig schnell. Einkaufen war noch nie so einfach wie heutzutage: Mausklick – das klingt niedlich.

Ein Tag, an dem ziemlich viel richtig verkehrt läuft – nur der Name stimmt:

BLACK FRIDAY – Ein wahrhaft schwarzer Tag.

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Slow Month system(ir)relevant

Slow Contact

So ist das, wenn man versucht, ein durchgehendes Motto zu generieren: Man landet bei Merkwürdigkeiten wie einem „Slow Contact“…

Will sagen, ich schreibe Briefe statt Signal- oder Telegram-Nachrichten. Natürlich nicht, wenn’s um die Frage nach dem Abendessen oder um eine Terminabsprache geht. Aber wenn ich einer guten Freundin erzählen will, was gerade bei mir so läuft oder eben nicht läuft, habe ich in den letzten Jahren doch eher zur Tastatur und schließlich zum mobilen Endgerät gegriffen als zu Stift und Briefpapier. Wirklich schnell bin ich ja nicht beim Tippen, aber die Zustellung des Geschriebenen passiert halt ohne jeglichen Verzug und vermittelt damit den Eindruck einer fast direkten Kommunikation. Ich schreibe, drücke auf „send“, und schon muss mein Gegenüber entscheiden, ob und wann er/sie meine Nachricht lesen will.

Zwei Briefe habe ich heute geschrieben, und so langsam lässt der Krampf im Handgelenk nach. Hier ist sie also wieder: Die prophezeite Kraftanstrengung dieses zu entschleunigenden Monats!

Etwas fremd fühlt es sich noch an, mithilfe von Tinte und Füllfeder Gedanken als Worte auf ein DIN A4 Papier zu bringen, die man nicht mehr im Nachhinein noch umstellen, korrigieren oder ganz löschen kann. Was nicht passen will, muss durchgestrichen werden – und bleibt damit gut sichtbar für die Adressatin.

Sie ist auch die alleinige Empfängerin meiner Zeilen: Keine Kopie unter „Sent“ im E-Mail-Postfach und kein Chatverlauf zum Nachlesen. Sobald ich den Umschlag schließe, ist das Geschriebene für mich nicht mehr zugänglich. Ich vertraue es der Freundin an, und ihr allein. Was sie damit tut, ob sie antworten mag, und wann – das ist ihre Sache. Ich warte nicht auf die beiden blauen Häkchen im Chatverlauf oder eine AW:-Mail. Es wird kein Hin- und Her von Nachrichten geben, bis endlich ein freundliches Emoji zum Abschied winken darf. Das hat was!

Und falls sie auf meinen Brief antworten will, dann gerne ganz langsam. Mein Briefkasten ist geduldig.

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Corona-Zeiten Slow Month Veränderung

Slow Motion

Ein Entschleunigungs-Feature für meinen „Slow November“ setzt ganz praktisch und naheliegend im Bereich der Fortbewegung an. Strecken, die ich üblicherweise mit dem Rad zurücklege, gehe ich zu Fuß. Wo ich sonst das Auto nehme steige ich auf’s Fahrrad oder in die Bahn.

Seit fünf Tagen praktiziere ich nun diese Form der „Slow Motion“ und kann bereits erste Erkenntnisse zur benötigten Kraftanstrengung festhalten: Natürlich brauche ich mehr körperliche Kraft, um nach Leopoldshafen zu laufen, oder nach Neureut zu radeln, aber das kann ich ja direkt auf mein Fitness-Konto buchen, wo es sich positiv auswirkt. Kein Problem also an dieser Stelle.

Schwierig wird es bei der benötigten Zeit. Davon muss ich von vornherein mehr einplanen, und zwar mindestens doppelt so viel wie mit der herkömmlichen Fortbewegungsform. Und genau hier beginnt der Kraftakt: Noch bevor ich meine lauftauglichen Schuhe anziehe, überlege ich, was ich in dieser Zeit noch alles würde erledigen können. Und wenn ich auf’s Rad steige, wird mir klar, dass ich mit dem Auto effizienter einkaufen und früher kochen könnte.

Wirklich erstaunlich, dass solche Gedanken sich vordrängen, obwohl ich in dieser Woche im Vergleich zum Oktober nur ein Viertel an Terminen habe! Ganz offensichtlich ist mehr als genug Zeit da, und wenn ich dann mal unterwegs bin, freue ich mich an der Bewegung.

Es ist also dieser fiese Druck, meine Zeit möglichst produktiv und effizient zu verbringen, der sich der Entschleunigung in den Weg stellt! Ihn frontal anzugreifen und auseinanderzunehmen, ist mir im Moment noch nicht möglich. So versuche ich es erstmal mit Ignorieren und Ausweichen und fahre, bzw. laufe bisher recht gut damit. 😉

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Corona-Zeiten Slow down Veränderung

Kraftanstrengungen

Jens Spahn, der genesene Gesundheitsminister, hat am 1. November im heute-journal bei Marietta Slomka eine interessante Ansage gemacht. Er sagte, jetzt sei „zuerst einmal eine nationale Kraftanstrengung im November“ nötig, die Devise heiße „Entschleunigung für alle“.(*)

Auf den ersten Blick erschien mir das etwas dramatisch, aber vor allem paradox: Es soll langsamer zugehen für alle, und dafür braucht es eine enorme Kraftanstrengung? 🤔

Aber tatsächlich kann Entschleunigung durchaus anstrengend sein. Dazu muss man nur mal die Übungen im Fitness-Studio oder auf der eigenen Matte in Zeitlupe ausführen. Da kommen nochmal andere Kräfte ins Spiel.

Nun wird seit Montag das öffentliche und private Leben durch die neuen Corona-Verordnungen gedrosselt, und die Worte von Herrn Spahn über die nationale Kraftanstrengung scheinen schon nach drei Tagen zutreffender, als ich zunächst dachte.

Ich habe viel weniger Termine und Verpflichtungen, aber eine spürbare Erleichterung will sich nicht einstellen. Es fühlt sich eher schwerer und mühsamer an, durch den Tag zu gehen. Und wenn ich meine Mitmenschen auf der Straße oder auf den Bildschirmen betrachte, dann verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Wo und warum wird das Leben durch die Verlangsamung eigentlich anstrengender? Welche Kraftakte sind angesichts der kollektiven Entschleunigung gefordert?

Diesen Fragen will ich mich in den kommenden Tagen und Wochen im Rahmen einer Kleinst-Studie widmen. #Slow Month.

(*) und wendet sich damit an eine Nation, der es auf Autobahnen nicht schnell genug gehen kann 😃

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

Die Zweite Welle

Es ist nicht so, dass ich mit diesem Beitrag auf sie gewartet hätte, die zweite Corona-Welle. Dass ich so lange nichts auf den Bildschirm gebracht habe, lag eher am kräftigen Wellengang in meinem ganz persönlichen Leben. Von wegen „Zeit zum Schreiben“, wie ich noch am 21. Mai formuliert hatte…

Nun kehrt durch die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch in meinem Leben wieder Ruhe ein; und ich fang einfach wieder an, zu schreiben:

Seit ich das erste Mal auf einer Nordseeinsel am Strand gestanden bin, üben Wellen eine große Anziehungskraft auf mich aus. Das Meer an sich ist großartig, aber wenn Bewegung in diese Unmengen an Wasser kommt, es lebendig wird, wild und ungestüm – dann kann ich mich gar nicht satt sehen. Und wenn dann noch die Außentemperatur stimmt, zieht es mich mit Macht hinein in die Wellen.

Da wir nahezu alljährlich unseren Urlaub an der Nordsee verbringen, konnte ich schon einige Erfahrungen beim Wellenbaden machen; trotzdem scheine ich nur bedingt aus den Vorjahreserlebnissen zu lernen. In meinem Eifer stürze ich mich bei der erstbesten Gelegenheit ins Wasser, meistere die ersten Wellen souverän, um kurz darauf von einer deutlich kraftvolleren Woge von den Füßen geholt und zu Boden gedrückt zu werden. So beginnt mein Nordseeurlaub traditionell mit Abschürfungen an den Gliedmassen und Salzwasser im Kopf.

Eine Welle kommt nie allein. Das lehrt schon der Blick über das Meer, wie es hin- und herwogt. Nun hat man für die Pandemie-Entwicklungen ausgerechnet diese Metapher ausgesucht. Bleiben wir im Bild, dann war die zweite Welle unausweichlich. Den Sommer haben wir im Wellental verbracht, aber jetzt sehen wir die nächste Welle unaufhaltsam auf uns zukommen.

Ausgehend von meinen Erlebnissen in den Nordsee-Wellen gehe ich davon aus, dass wir nicht ohne Blessuren durchkommen werden. Wie sollten wir auch – ist ja unser erstes Corona-Pandemie-Jahr und wir können nicht mal auf Erfahrungswerte zurückgreifen (die in meinem Fall erst im Nachhinein zu kurzlebigen Erkenntnissen geführt haben). So muss wohl zwangsläufig jeder auf seine Weise und an seinem Platz herausfinden, wie er am besten mit der Welle klarkommt. Dass wir einander bei diesen mitunter bizarren Versuchen immer wieder fassungslos zuschauen, ist wohl ebenso unvermeidlich.

Um bei hohen Wellen überhaupt ins Meer und damit auf die Welle zu kommen, muss man übrigens in sie hinein- und durch sie hindurchtauchen. Das braucht einiges an Mut – ist aber der einzige Weg.