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Corona-Zeiten Slow Month Veränderung

Slow Motion

Ein Entschleunigungs-Feature für meinen „Slow November“ setzt ganz praktisch und naheliegend im Bereich der Fortbewegung an. Strecken, die ich üblicherweise mit dem Rad zurücklege, gehe ich zu Fuß. Wo ich sonst das Auto nehme steige ich auf’s Fahrrad oder in die Bahn.

Seit fünf Tagen praktiziere ich nun diese Form der „Slow Motion“ und kann bereits erste Erkenntnisse zur benötigten Kraftanstrengung festhalten: Natürlich brauche ich mehr körperliche Kraft, um nach Leopoldshafen zu laufen, oder nach Neureut zu radeln, aber das kann ich ja direkt auf mein Fitness-Konto buchen, wo es sich positiv auswirkt. Kein Problem also an dieser Stelle.

Schwierig wird es bei der benötigten Zeit. Davon muss ich von vornherein mehr einplanen, und zwar mindestens doppelt so viel wie mit der herkömmlichen Fortbewegungsform. Und genau hier beginnt der Kraftakt: Noch bevor ich meine lauftauglichen Schuhe anziehe, überlege ich, was ich in dieser Zeit noch alles würde erledigen können. Und wenn ich auf’s Rad steige, wird mir klar, dass ich mit dem Auto effizienter einkaufen und früher kochen könnte.

Wirklich erstaunlich, dass solche Gedanken sich vordrängen, obwohl ich in dieser Woche im Vergleich zum Oktober nur ein Viertel an Terminen habe! Ganz offensichtlich ist mehr als genug Zeit da, und wenn ich dann mal unterwegs bin, freue ich mich an der Bewegung.

Es ist also dieser fiese Druck, meine Zeit möglichst produktiv und effizient zu verbringen, der sich der Entschleunigung in den Weg stellt! Ihn frontal anzugreifen und auseinanderzunehmen, ist mir im Moment noch nicht möglich. So versuche ich es erstmal mit Ignorieren und Ausweichen und fahre, bzw. laufe bisher recht gut damit. 😉

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Corona-Zeiten Slow down Veränderung

Kraftanstrengungen

Jens Spahn, der genesene Gesundheitsminister, hat am 1. November im heute-journal bei Marietta Slomka eine interessante Ansage gemacht. Er sagte, jetzt sei „zuerst einmal eine nationale Kraftanstrengung im November“ nötig, die Devise heiße „Entschleunigung für alle“.(*)

Auf den ersten Blick erschien mir das etwas dramatisch, aber vor allem paradox: Es soll langsamer zugehen für alle, und dafür braucht es eine enorme Kraftanstrengung? 🤔

Aber tatsächlich kann Entschleunigung durchaus anstrengend sein. Dazu muss man nur mal die Übungen im Fitness-Studio oder auf der eigenen Matte in Zeitlupe ausführen. Da kommen nochmal andere Kräfte ins Spiel.

Nun wird seit Montag das öffentliche und private Leben durch die neuen Corona-Verordnungen gedrosselt, und die Worte von Herrn Spahn über die nationale Kraftanstrengung scheinen schon nach drei Tagen zutreffender, als ich zunächst dachte.

Ich habe viel weniger Termine und Verpflichtungen, aber eine spürbare Erleichterung will sich nicht einstellen. Es fühlt sich eher schwerer und mühsamer an, durch den Tag zu gehen. Und wenn ich meine Mitmenschen auf der Straße oder auf den Bildschirmen betrachte, dann verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Wo und warum wird das Leben durch die Verlangsamung eigentlich anstrengender? Welche Kraftakte sind angesichts der kollektiven Entschleunigung gefordert?

Diesen Fragen will ich mich in den kommenden Tagen und Wochen im Rahmen einer Kleinst-Studie widmen. #Slow Month.

(*) und wendet sich damit an eine Nation, der es auf Autobahnen nicht schnell genug gehen kann 😃

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

Die Zweite Welle

Es ist nicht so, dass ich mit diesem Beitrag auf sie gewartet hätte, die zweite Corona-Welle. Dass ich so lange nichts auf den Bildschirm gebracht habe, lag eher am kräftigen Wellengang in meinem ganz persönlichen Leben. Von wegen „Zeit zum Schreiben“, wie ich noch am 21. Mai formuliert hatte…

Nun kehrt durch die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch in meinem Leben wieder Ruhe ein; und ich fang einfach wieder an, zu schreiben:

Seit ich das erste Mal auf einer Nordseeinsel am Strand gestanden bin, üben Wellen eine große Anziehungskraft auf mich aus. Das Meer an sich ist großartig, aber wenn Bewegung in diese Unmengen an Wasser kommt, es lebendig wird, wild und ungestüm – dann kann ich mich gar nicht satt sehen. Und wenn dann noch die Außentemperatur stimmt, zieht es mich mit Macht hinein in die Wellen.

Da wir nahezu alljährlich unseren Urlaub an der Nordsee verbringen, konnte ich schon einige Erfahrungen beim Wellenbaden machen; trotzdem scheine ich nur bedingt aus den Vorjahreserlebnissen zu lernen. In meinem Eifer stürze ich mich bei der erstbesten Gelegenheit ins Wasser, meistere die ersten Wellen souverän, um kurz darauf von einer deutlich kraftvolleren Woge von den Füßen geholt und zu Boden gedrückt zu werden. So beginnt mein Nordseeurlaub traditionell mit Abschürfungen an den Gliedmassen und Salzwasser im Kopf.

Eine Welle kommt nie allein. Das lehrt schon der Blick über das Meer, wie es hin- und herwogt. Nun hat man für die Pandemie-Entwicklungen ausgerechnet diese Metapher ausgesucht. Bleiben wir im Bild, dann war die zweite Welle unausweichlich. Den Sommer haben wir im Wellental verbracht, aber jetzt sehen wir die nächste Welle unaufhaltsam auf uns zukommen.

Ausgehend von meinen Erlebnissen in den Nordsee-Wellen gehe ich davon aus, dass wir nicht ohne Blessuren durchkommen werden. Wie sollten wir auch – ist ja unser erstes Corona-Pandemie-Jahr und wir können nicht mal auf Erfahrungswerte zurückgreifen (die in meinem Fall erst im Nachhinein zu kurzlebigen Erkenntnissen geführt haben). So muss wohl zwangsläufig jeder auf seine Weise und an seinem Platz herausfinden, wie er am besten mit der Welle klarkommt. Dass wir einander bei diesen mitunter bizarren Versuchen immer wieder fassungslos zuschauen, ist wohl ebenso unvermeidlich.

Um bei hohen Wellen überhaupt ins Meer und damit auf die Welle zu kommen, muss man übrigens in sie hinein- und durch sie hindurchtauchen. Das braucht einiges an Mut – ist aber der einzige Weg.

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Im Strömungskanal

Lange habe ich nichts mehr schriftlich festgehalten, ziemlich genau sechs Wochen. Obwohl meine „letzten Worte“ etwas ganz anderes verheißen haben. „Zeit zum Schreiben“ wollte ich mir nehmen. Keine einzige Zeile ist entstanden, dafür viele wirre Gedanken, die mir mehr und mehr auf den Magen geschlagen sind.

Ein Bild kam mir in den Sinn, das meinen Zustand in den letzen Wochen ganz gut beschreibt: Der Strömungskanal, wie er in vielen Spaß- und Erlebnisbädern zu finden ist. Der Spaß besteht darin, dass man von der Strömung weggetragen wird, kaum Schwimmen muss und dabei richtig schnell wird. So soll möglicherweise das Erlebnis erzeugt werden, als ob man in einem Fluss schwimmt.

Stellen wir uns also so ein Strömungsbecken vor, dann wäre zu Beginn des Lockdowns der Motor auf Null gestellt. Das Wasser steht still im Kanal und alle Strömungsschwimmer hängen am Rand oder paddeln gemächlich mit eigener Kraft durch’s Wasser. Nach fünf Wochen in diesem Zustand spürt man plötzlich, wie eine leichte Bewegung im Wasser entsteht – der Motor ist wieder angelaufen, auf kleinster Stufe. Langsam aber kontinuierlich nimmt die Kraft der Strömung zu. Bald lassen die ersten den Beckenrand los und gleiten gemächlich durch die Wellen. Ich stehe immer noch am Beckenrand und wundere mich über die Selbstverständlichkeit, mit der sich einer nach dem anderen in den Strom wirft. Irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass etwas anders wird, dass ich mir Gewohnheiten hinüber rette; dass es vielleicht ein Umdenken gibt. So ein umfassendes und globales Umdenken – nicht nur um uns alle vor dem Virus zu schützen, sondern um das Leben insgesamt zu ehren und zu bewahren.

Das war wahrscheinlich naiv, so zu hoffen.

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Lockerungen

Komisch: Überall wird jetzt gelockert – nur ich fühle mich immer verspannter…🤔

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Back to Normal?

Dieser Tage wird immer wieder davon gesprochen, dass es eine Rückkehr zur Normalität geben wird, ja geben muss; sicher wird dies ein längerer Prozess sein, aber am Ende soll eine „neue Normalität“ auf uns alle warten und uns belohnen für wochenlangen Verzicht.

Wenn es die „Normalität“ sein soll, die wir am 16. März hinter uns gelassen haben, dann erwarten uns unter anderem verstopfte Autobahnen und Gedrängel an der Warteschlange. Kreuzfahrtschiffe werden wieder die schönsten Städte Europas mit Tausenden von Passagieren fluten, und Touristen können ihre spektakulären Urlaubsbilder auf Instagram posten. Unsere Hähnchen-Teile landen wieder auf dem Markt von Kampala, Uganda, während der Plastikwertstoff zum „Recycling“ nach Südostasien verschifft wird. Statt über Corona-Tote wird über Anschlagsopfer in Kabul berichtet und Polizisten verbringen ihre Samstage wieder vor Fußballstadien.

Unsere Terminkalender sind wieder gefüllt und an den Schulen können endlich bewertbare Leistungsnachweise erbracht werden. In den Supermärkten bleiben dann wieder genügend Lebensmittel übrig, um die Tafeln ordentlich auszustatten. Die Mülltüten in den Kinosälen sind wieder voll mit Popcorn-Eimern und Eisverpackungen und irgendwann wird auch gefeiert werden, mit richtig vielen Menschen, richtig lauter Musik, Bierdosen und Sekt.

Ich gebe zu, bei diesen Aussichten hält sich meine Vorfreude in engen Grenzen. Aber wer sagt, dass wir in genau diese Normalität zurück sollen. Es gab schon diverse andere Formen der Normalität vor der aktuellen, an die wir uns gewöhnt haben.

Anfang der Siebziger galt es zum Beispiel als normal, ein Auto pro Familie zu besitzen, einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, und die Möbel, die man zur Hochzeit erworben hatte, zu nutzen, bis sie auseinanderfielen. Der Raumbedarf belief sich auf 26,4qm pro Person (vor zwei Jahren waren es 46,7qm) und in der Regel genügte ein Einkommen, um eine Familie ganz gut zu ernähren.

Ich weiß, man wird leicht sentimental, wenn es um eigene Kindheit- und Jugendzeiten geht, aber ich plädiere dringend für eine umfassendere Vorstellung von Normalität. Außerdem: Nur weil etwas als normal gilt, heißt das noch lange nicht, dass es per se gut und deshalb schützenswert ist. Und auch wenn ganz viele Menschen das Gleiche tun, so kann das doch ziemlich daneben sein.

Der vielzitierte Begriff der „neuen Normalität“ könnte darauf hinweisen, dass nicht alles genauso werden wird, wie es vorher war. Hoffentlich bedeutet er nicht, dass wir uns beim gewohnten Treiben nur mit etwas mehr Abstand bewegen und eine Maske aufsetzen.

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‚Lethal Weapon II‘

Wie der gleichnamige Film bekommt nun auch mein Beitrag ‚Lethal Weapon‘ eine Fortsetzung. Und wie im Filmgeschäft geht es auch hier um das gleiche Thema unter etwas veränderten Vorzeichen.

Mit Einführung der bundesweiten Maskenpflicht in dieser Woche wird es bei jedem Einkauf sichtbar: Wir befinden uns im Feindesland. Lethal Weapons all over the place! Die Menschen um mich herum könnten alle das perfide Virus übertragen, und genau dieselben Menschen sehen in mir eine potentielle Gefährderin. Und so warnt uns die Maske: Seht euch vor und werdet bloß nicht leichtsinnig! Wir müssen uns voreinander schützen!

Um diese Botschaft zu vermitteln ist der Mund-Nasen-Schutz ganz hervorragend geeignet. Denn wenn vom Gesicht eines Menschen nur noch die Augen zu sehen sind, assoziieren wir das gemeinhin mit Gefahr. So haben wir es jedenfalls in unterschiedlichen Szenarien gelernt:

  • Bankräuber, Schlägertrupps und gewaltbereite Demonstranten verbergen ihr Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Das kennen wir aus Zeitungen, Video-Clips, Serien oder haben es live erlebt.
  • Ärzte trugen bisher immer dann eine grüne Einwegmaske, wenn es für uns Patienten ungemütlich wurde. Und auch wenn der Chirurg es noch so gut meint, so sorgt der Anblick einer OP-Maske doch eher für einen erhöhten Puls.
  • Muslimische Frauen, die in Vollverschleierung in der Öffentlichkeit auftreten, haben heftige Diskussionen in der Gesellschaft ausgelöst und hinterlassen bei vielen ein beklommenes Gefühl.

Eine Vermummung, Maskierung und Verschleierung signalisiert uns also von jeher unmissverständlich: ACHTUNG! Gefahr im Verzug!

Was uns also die Maske im wahrsten Sinne vor Augen hält, ist der Ernst der Lage: Der Feind ist noch mitten unter uns! Tragen wir jedoch einen Mundschutz, setzen wir ein sichtbares Zeichen gegen diesen unsichtbaren Gegner. Am Ende war genau das der eigentliche Grund für die Einführung der Maskenpflicht, sagt die Skeptikerin in mir.

Aber wer weiß, vielleicht werden die Kinder von heute ganz andere Assoziationen beim Anblick von vermummten Gesichtern entwickeln. Vielleicht wächst eine Generation heran, die mit Masken Mitgefühl verbindet und Solidarität, und die mehr Zutrauen in solche Mitmenschen hat, die nur ihre Augen zeigen. Man sagt ja, der Mensch sei lernfähig.

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Bleiben Sie gesund!

Mit der Corona-Pandemie hat eine neue Grußformel Einzug gehalten, mit der seit Wochen quasi rituell E-Mails, Fernseh-Nachrichten und der kurze Plausch über den Gartenzaun beendet werden: Bleiben Sie gesund!

Grammatikalisch betrachtet ist diese Formel ein Imperativ, also eine Aufforderungs- und Befehlsform. Und tatsächlich: Wir tun alles, um dieser Aufforderung nachkommen.

Schnell und eindeutig haben Politik und Gesellschaft in der Corona-Krise Schwerpunkte gesetz: Die Gesundheit des Einzelnen und der Schutz des Gesundheitssystems wurden zur obersten Priorität erklärt. Noch nie wurden in der Bundesrepublik derartig einschneidende Verordnungen verhängt; selbst die mächtigsten Wirtschaftzweige blieben nicht verschont. Und wir, die Bürgerinnen und Bürger, haben uns bereitwillig gefügt und tun dies immer noch.

Es geht ja auch um unser aller Gesundheit! Es geht darum, Leben zu retten! Das ist der große gemeinsame Nenner, der diesen einzigartigen Lock-Down möglich gemacht hat. Jede und jeder kann hier seinen oder ihren Beitrag leisten!

Die einen bleiben Zuhause, beschulen Kinder und nähen Mundschutzmasken; die anderen erhalten die relevanten Säulen des Systems aufrecht. Ich staune über die ungeheure Dynamik, die das große Thema Gesundheit mit den Untertiteln „Wir retten Leben“ und „Wir kämpfen gemeinsam gegen das Virus“ freigesetzt hat!

Die neue Grußformel beschwört gleichsam die gemeinsame Sache: Bleiben Sie gesund! Bleibt gesund! Bleiben wir alle gesund! – Ja, das machen wir, das versuchen wir, „no matter what it takes“.

Großartig, wie wir darin vereint sind. Und gleichzeitig wundere ich mich doch ein wenig über diese vehementen Weichenstellungen in Richtung „Gesundheitsschutz“. Ansonsten sind wir da ja nicht ganz so konsequent.

Wenn es uns so ernst ist damit, warum verkaufen dann Supermärkte seit Jahren Produkte, die eindeutig gesundheitsschädlich sind, weil sie hauptsächlich aus Zucker bestehen? Warum ertragen wir Fluglärm, Autoabgase und Pestizide, als ob sie gottgegebene Bestandteile des Alltags wären?

Kümmert uns die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, die in kongolesischen Minen ohne jegliche Schutzkleidung Kobalt für unser neues Smart-Phone abbauen? Und was ist mit der Gesundheit der vietnamesischen Näherin, die in einem 12-Stunden Tag für unsere Boutiquen die Herbstmode 2020 schneidert? Und wie gesund kann es für die Müllsortierer in Malaysia sein, Berge von deutschem „Recycling“- Müll zu durchwühlen?

Bleiben Sie gesund! Das wünschen wir doch in Wahrheit nur uns selbst und unseren Nächsten hier und heute mit dem Corona-Virus vor Augen. Also gut, im Zweifelsfall auch noch all den anderen, die mich ansonsten anstecken könnten.

Heute kommt mir leider kein gefälliger Schluss-Satz in den Sinn. Ich denke, es wird Zeit, meine Corona-Zeiten-Kategorie für eine Weile ruhen zu lassen, sonst wird die noch moralinsauer. So langsam ist es an der Zeit, darüber hinaus zu denken.

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Nüchterne Zahlen

Nach der emotionalen Achterbahn ausgelöst durch die gestrige Einkaufserfahrung sitze ich heute eher ernüchtert am Schreibtisch. Was hat mich da eigentlich getrieben?

Um die Dinge etwas in Relation zu setzen, zücke ich wieder meinen Taschenrechner für ein von allen Seiten anfechtbares Rechenexempel, und frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass mir hier im Ort ein nicht-getesteter Infizierter begegnet?

Als Quelle nutze ich dieses Mal die Seite www.corona.karlsruhe.de, die mir aktuelle Zahlen zum gestrigen Dienstag für die Stadt und den Landkreis liefert. Da Eggenstein direkt an den Stadtkreis angrenzt, scheint mir das eine sinnvolle Entscheidung. And here we go:

Am 21. April sind in Karlsruhe Stadt und Landkreis 1248 Menschen positiv auf das Virus getestet. Davon gelten 601Personen als wieder genesen. Diese Zahl subtrahiere ich kühn von der Gesamtzahl – denn mir geht es ja um die derzeit Erkrankten und damit Ansteckenden – und komme somit auf 647 Menschen. Nun sind genau diese gerade nicht in der Öffentlichkeit unterwegs, sondern befinden sich in Quarantäne, haben aber natürlich bereits andere Leute angesteckt.

Für alle weiteren Berechnungen begebe ich mich in ganz trübe Gefilde, indem ich die „Dunkelziffer“ der Infizierten abschätze. Wie der Name schon sagt und meine Recherchen bestätigen, ist diese Ziffer sehr unscharf, weil man einfach noch zuwenig weiß über Verbreitung des Virus. Deshalb entscheide ich mich für den vergleichsweise sehr hohen Faktor 10 mit dem ich die Zahl der Positiv-Getesteten multipliziere.

Demnach wären 6.470 arglose Mitbürger Träger des Virus und stellen meine Dunkelziffer dar. Im untersuchten Gebiet leben offiziellen Angaben zufolge 748.316 Einwohner. Ins Verhältnis gesetzt wären demzufolge 0,86% der hiesigen Bevölkerung oder aufgerundet 9 von 1000 unerkannt infiziert und in der Öffentlichkeit unterwegs.

Nun muss ich nur noch diese Quote auf meinen Wohnort übertragen, in dem 16.455 Menschen leben (Stand Dezember 2019) und komme zum Ergebnis, dass 148 davon unter die Kategorie naVT (nichtsahnende Virus-Träger) fallen.

Und damit bin ich schon (oder endlich) bei meiner Ausgangsfrage und Gefahrenpotentialsanalyse angelangt: Wie wahrscheinlich ist es, dass einer dieser 148 gleichzeitig mit mir an der Gemüsetheke steht?

Angesichts der eh schon spekulativen Natur meiner Berechnungen und den Unwägbarkeiten der Wahrscheinlichkeitsrechnung, muss ich es wohl dabei belassen. Ist sowieso die Frage, ob mir dieses Wissen beim nächsten Einkauf wirklich weiterhilft…😷

P.S. Die reinen Zahlen für unsere Kommune auf corona.karlsruhe.de liegen im Übrigen weit unter meinem Ergebnis. In Eggenstein-Leopoldshafen gab insgesamt es bisher 12 Infizierte, davon gelten am 21. April 11 Personen wieder als genesen. Meiner Dunkelzifferberechnung zufolge würden hier also nur 10 Menschen (1 Erkrankter x 10) zu den naVT zählen. Na dann…

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Abenteuer Einkauf

Heute war ich im örtlichen Supermarkt, um für unsere vierköpfige Familie den Wocheneinkauf zu erledigen. „Früher“ war das eine notwendige Routinetätigkeit, die ich relativ emotionslos erledigt habe. Seit „Corona“ ist die gleiche Tätigkeit mit einem echten Nervenkitzel verbunden. Ich spüre das schon am Abend vorher, wenn ich meine Einkaufsliste erstelle: Wird denn dieses Mal Mehl da sein? Kriege ich noch Bananen? Und vor allem: Was hat sich vor und im Markt verändert? Denn eines ist sicher – es wird anders laufen als beim letzten Besuch, und es wird unzählige neue Möglichkeiten geben, sich falsch zu verhalten. Und das will ich ja auf keinen Fall!

So bin ich also mit leicht erhöhtem Puls losgefahren, ungefähr zur Mittagszeit, in der die meisten Leute beim Essen sitzen und nicht einkaufen gehen sollten. Die erste Neuerung gleich beim Einkaufswagenparkplatz: Heute wurde der Griff nämlich dort desinfiziert, noch bevor ich meine Münze eingesteckt hatte. Neue Hinweisschilder am Eingang empfahlen dringend, doch beim Einkauf eine Maske zu tragen. Die hatte ich aus bereits genannten Gründen nicht dabei, was mich aber nicht vor dem Gefühl bewahrte, mich völlig daneben zu benehmen.

Neu waren auch die zwei Boxen mit Einmal-Handschuhen, die am Drehkreuz bereit standen. „Nur ein Paar pro Einkauf“ stand dabei. Ich nahm gar keines, weil ich vor kurzem irgendwo gelesen habe, dass von solchen Handschuhen auch Gefahr ausgehen kann. Trotzdem hat sich auch das nicht richtig angefühlt, eher „ungenügend“ oder „mangelhaft“.

Nun hatte ich zum einen mit diesem Versager-Komplex zu kämpfen, zum anderen galt es, die anderen KundInnen im angemessenen Abstand zu umfahren, gleichzeitig den Wagen zu bestücken und meine Liste abzuarbeiten.

Für allzu viel Beobachtung blieben also weder Zeit noch Muße, aber ich hatte den Eindruck, dass die Menschen im Markt das Gefahrenpotential des Einkaufens ähnlich sahen wie ich: Hier zwischen diesen Regalen könnte ja ein nicht-getesteter Infizierter stehen! Und genau genommen könnte das auch ich selbst sein! So manövrierten wir alle in weitem Bogen umeinander, der Blick konzentriert auf den Gang gerichtet, der Mund fest geschlossen oder eben unsichtbar.

Nach diesem Slalom war der Weg durch den Kassenbereich fast schon ein Kinderspiel. Die Markierung am Boden, die Plexiglasscheiben vor der Kassiererin – alles bereits vertraut und eingeübt. Jetzt nur noch vor der Bäckertheke an der richtige Stelle bestellen, das Bargeld so platzieren, dass keine Berührung mit der Verkäuferin stattfindet, dann durch die Automatik-Tür und – endlich wieder tief einatmen.

Ich spürte direkt, wie die Anspannung im Magen nachließ und der Puls sich normalisierte. Bei jedem Schritt über den Parkplatz wurde meine Haltung aufrechter und der Blick weiter. Fast schon beschwingt habe ich alles im Kofferraum verstaut; ein Gefühl von Stolz erfüllte mich im Anblick all der Produkte, die ich dem Supermarkt abgerungen hatte.

Zuhause angekommen kam ich mir vor wie die Heldin aus einer Fantasy-Serie, die gerade ein gefährliches Abenteuer bestanden hat. Ganz ehrlich: Wer braucht noch Abenteuer-Parks, wenn das Einkaufen uns einen derartigen Thrill bietet?

Auch in der kommenden Woche gibt es wieder Spannung pur: Dann werden nur noch Maskierte durch die Gänge ziehen!