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Slow Month system(ir)relevant

Slow Contact

So ist das, wenn man versucht, ein durchgehendes Motto zu generieren: Man landet bei Merkwürdigkeiten wie einem „Slow Contact“…

Will sagen, ich schreibe Briefe statt Signal- oder Telegram-Nachrichten. Natürlich nicht, wenn’s um die Frage nach dem Abendessen oder um eine Terminabsprache geht. Aber wenn ich einer guten Freundin erzählen will, was gerade bei mir so läuft oder eben nicht läuft, habe ich in den letzten Jahren doch eher zur Tastatur und schließlich zum mobilen Endgerät gegriffen als zu Stift und Briefpapier. Wirklich schnell bin ich ja nicht beim Tippen, aber die Zustellung des Geschriebenen passiert halt ohne jeglichen Verzug und vermittelt damit den Eindruck einer fast direkten Kommunikation. Ich schreibe, drücke auf „send“, und schon muss mein Gegenüber entscheiden, ob und wann er/sie meine Nachricht lesen will.

Zwei Briefe habe ich heute geschrieben, und so langsam lässt der Krampf im Handgelenk nach. Hier ist sie also wieder: Die prophezeite Kraftanstrengung dieses zu entschleunigenden Monats!

Etwas fremd fühlt es sich noch an, mithilfe von Tinte und Füllfeder Gedanken als Worte auf ein DIN A4 Papier zu bringen, die man nicht mehr im Nachhinein noch umstellen, korrigieren oder ganz löschen kann. Was nicht passen will, muss durchgestrichen werden – und bleibt damit gut sichtbar für die Adressatin.

Sie ist auch die alleinige Empfängerin meiner Zeilen: Keine Kopie unter „Sent“ im E-Mail-Postfach und kein Chatverlauf zum Nachlesen. Sobald ich den Umschlag schließe, ist das Geschriebene für mich nicht mehr zugänglich. Ich vertraue es der Freundin an, und ihr allein. Was sie damit tut, ob sie antworten mag, und wann – das ist ihre Sache. Ich warte nicht auf die beiden blauen Häkchen im Chatverlauf oder eine AW:-Mail. Es wird kein Hin- und Her von Nachrichten geben, bis endlich ein freundliches Emoji zum Abschied winken darf. Das hat was!

Und falls sie auf meinen Brief antworten will, dann gerne ganz langsam. Mein Briefkasten ist geduldig.

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

Die Zweite Welle

Es ist nicht so, dass ich mit diesem Beitrag auf sie gewartet hätte, die zweite Corona-Welle. Dass ich so lange nichts auf den Bildschirm gebracht habe, lag eher am kräftigen Wellengang in meinem ganz persönlichen Leben. Von wegen „Zeit zum Schreiben“, wie ich noch am 21. Mai formuliert hatte…

Nun kehrt durch die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch in meinem Leben wieder Ruhe ein; und ich fang einfach wieder an, zu schreiben:

Seit ich das erste Mal auf einer Nordseeinsel am Strand gestanden bin, üben Wellen eine große Anziehungskraft auf mich aus. Das Meer an sich ist großartig, aber wenn Bewegung in diese Unmengen an Wasser kommt, es lebendig wird, wild und ungestüm – dann kann ich mich gar nicht satt sehen. Und wenn dann noch die Außentemperatur stimmt, zieht es mich mit Macht hinein in die Wellen.

Da wir nahezu alljährlich unseren Urlaub an der Nordsee verbringen, konnte ich schon einige Erfahrungen beim Wellenbaden machen; trotzdem scheine ich nur bedingt aus den Vorjahreserlebnissen zu lernen. In meinem Eifer stürze ich mich bei der erstbesten Gelegenheit ins Wasser, meistere die ersten Wellen souverän, um kurz darauf von einer deutlich kraftvolleren Woge von den Füßen geholt und zu Boden gedrückt zu werden. So beginnt mein Nordseeurlaub traditionell mit Abschürfungen an den Gliedmassen und Salzwasser im Kopf.

Eine Welle kommt nie allein. Das lehrt schon der Blick über das Meer, wie es hin- und herwogt. Nun hat man für die Pandemie-Entwicklungen ausgerechnet diese Metapher ausgesucht. Bleiben wir im Bild, dann war die zweite Welle unausweichlich. Den Sommer haben wir im Wellental verbracht, aber jetzt sehen wir die nächste Welle unaufhaltsam auf uns zukommen.

Ausgehend von meinen Erlebnissen in den Nordsee-Wellen gehe ich davon aus, dass wir nicht ohne Blessuren durchkommen werden. Wie sollten wir auch – ist ja unser erstes Corona-Pandemie-Jahr und wir können nicht mal auf Erfahrungswerte zurückgreifen (die in meinem Fall erst im Nachhinein zu kurzlebigen Erkenntnissen geführt haben). So muss wohl zwangsläufig jeder auf seine Weise und an seinem Platz herausfinden, wie er am besten mit der Welle klarkommt. Dass wir einander bei diesen mitunter bizarren Versuchen immer wieder fassungslos zuschauen, ist wohl ebenso unvermeidlich.

Um bei hohen Wellen überhaupt ins Meer und damit auf die Welle zu kommen, muss man übrigens in sie hinein- und durch sie hindurchtauchen. Das braucht einiges an Mut – ist aber der einzige Weg.

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All you need system(ir)relevant

Meine Existenz

die wirtschaftliche jedenfalls – ist nicht bedroht. (*)

Das war mir im Grunde meines Herzens zwar bewusst, aber nun habe ich es schwarz auf weiß, bescheinigt von ganz offizieller Seite:

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg hat meinen Antrag auf die „Soforthilfe Corona“ postwendend abgelehnt, weil die Fakten, die ich zur Begründung liefern konnte (Ausfall von Honorarzahlungen für ein knappes VHS-Semester), keine existenzgefährdende Wirtschaftslage erkennen lassen“.

Nein, meine Existenz hängt natürlich nicht von dieser Dozentinnen-Tätigkeit ab, und deshalb hab ich auch lange gar nicht daran gedacht, das vierseitige Online-Formular auszufüllen.

Aber dann lief Anfang Mai die heute-show mit einer Satire über Steuervermeidung einiger deutscher Dax-Konzerne, und die brachte mich ins Nachdenken. Schließlich dachte ich Folgendes: Wenn diese Firmen den Staat durch die Gründung von Tochtergesellschaften auf den Caiman-Inseln zuerst um eine Menge Steuern bringen, nach vier Wochen Kurzarbeit nun scheinbar ruiniert sind, und jetzt völlig schamlos Hilfen von der gleichen öffentlichen Hand einfordern, dann bin ich doch mal so richtig dreist und schicke diesen Antrag ab! Manchmal muss man einfach was Verrücktes tun…

Aber zurück zur guten Nachricht meiner offensichtlich unbedrohten und damit nicht förderwürdigen wirtschaftlichen Existenz. In Kombination mit der ebenso nachgewiesenen Irrelevanz für das System steckt für mich darin ein großes Stück Freiheit!

Und ganz praktisch habe ich durch die Ablehnung sogar einen realen Zeitgewinn, denn ich muss mir nicht überlegen, was ich mit dem Geld mache oder wofür ich es ausgebe und spare somit unzählige Stunden des Suchens und Entscheidens.

Zeit, in der ich schreiben kann😉

(*) Für den restlichen Teil gilt immer noch: https://www.systemirrelevant.de/tag/leben-und-tod/

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system(ir)relevant Tage wie dieser

Karsamstag

Dass dieser Tag zwischen Karfreitag und Ostern seinen eigenen Namen hat, ist mir durchaus bewusst. Trotzdem hab ich kurz gestutzt, als Claudia Kleinert gestern bei der Wettervorhersage einen sonnigen „Karsamstag“ angekündigt hat. Sonnig ist er tatsächlich geworden und umtriebig dazu, denn heute müssen letzte Ostereinkäufe und -Vorbereitungen getroffen werden; und da Osterurlaube gestrichen sind, wuseln wir alle munter durch unsere Heimatorte.

Ansonsten bleibt der Karsamstag im Reigen der Osterfesttage eher unsichtbar. Über Karfreitag und Ostersonntag berichten die Evangelisten in der Bibel ausführlich. Jedes Jahr im Frühling wird in den Kirchen entsprechend an das Leiden und Sterben Jesu erinnert und dann zwei Tage lang die Auferstehung gefeiert.

Dagegen wirkt der Tag dazwischen leer und ereignisarm. Da gibt es nichts mehr zu feiern. Es bleiben nur noch die Grabesruhe, das Ende, der Tod. Im Grunde wäre am Karsamstag eigentlich der Tod zu bedenken, das Grab, das auf uns alle wartet, das Ende dieses irdischen Lebens, das Nicht-Mehr-Sein auf dieser schönen Erde.

Heute also wäre die Gelegenheit, darüber nachzusinnen, dass es Zeiten gab (und zwar sehr lange), in denen ich – Heidi – nicht hier war, und dass es wahrscheinlich noch unermesslich viele Jahre geben wird, in denen ich – Heidi – nicht mehr sein werde.

Ein trauriger Gedanke einerseits; und gleichzeitig unheimlich entlastend. So wichtig bin ich gar nicht. Ja, im Blick auf das Große, Ganze und Universale bin ich möglicherweise sogar ziemlich irrelevant.

Könnte das am Ende die Botschaft des Karsamstags sein?

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

Gewohnheiten

Einundzwanzig Tage – die braucht es anscheinend mindestens, um alte Gewohnheiten abzulegen und neue herauszubilden. Um eine echte, also nachhaltige Verhaltensänderung zu erreichen, werden eher um die sechsundsechzig Tage benötigt – abhängig jeweils von verschiedenen Faktoren wie Motivation, Leidensdruck und Disziplin, so zu lesen in einschlägigen Fachzeitschriften. Unser Umzug vor gut einem Jahr bot Gelegenheit, diese Annahmen durch eine Kleinstfeldstudie zu überprüfen und meine Ergebnisse unterstreichen die obengenannten vagen Zahlen tatsächlich: Drei Wochen hat es mindestens gedauert, bis ich auf dem Heimweg nicht mehr falsch abgebogen bin; drei Monate und unzählige Treppenstufen waren nötig bis klar war, welche Küchenutensilien nunmehr im Keller aufgehoben sind. Die neue Telefonnummer ohne zu zögern zu nennen, fällt hingegen bis heute schwer.

Einunzwanzig Tage ist es her, seit die ersten drastischen Maßnahmen in der Corona-Krise in Kraft getreten sind, und ich stelle tatsächlich fest, wie erste Gewöhnungseffekte einsetzen. Die Hand zuckt schon nicht mehr vor, wenn ich andere begrüße, und es hat sich bereits ein sicheres Gefühl für den 1,50m-Abstand entwickelt.

Abgesehen davon hat der Shut-Down für einige unerhörte Veränderungen in meinem Alltag gesorgt. Und manches fühlt sich sogar ziemlich gut an – da könnte ich mich direkt dran gewöhnen. Ich hab mal eine vorläufige Liste erstellt:

Woran ich mich gewöhnen könnte
  • Einen Himmel ohne Kondensstreifen
  • Aufstehen um halb acht
  • Terminfreie Abende
  • Spaziergang in der Mittagssonne
  • Eine leere Straßenbahn
  • Einen zufrieden lernenden Sohn ohne Schuldramen
  • Tage ohne Armbanduhr
  • Die Freude über ein Päckchen Mehl im Supermarkt-Regal
  • Kochen mit Muße
  • Abstand und Rücksichtnahme
  • Meine eigene Langsamkeit

Mal sehen, ob die Zeit, die mir von offizieller Seite noch zur Verfügung gestellt wird, ausreicht, um das ein oder andere zur echten Gewohnheit werden zu lassen.

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Corona-Zeiten system(ir)relevant

system(ir)relevant

Ich habe mich mittlerweile ganz gut damit abgefunden, in der Corona-Krise für den Fortbestand unserer Gesellschaft nicht allzu relevant zu sein. Das, was ich tun kann – zuhause bleiben, Abstand halten, Hände waschen – ist ohne Probleme machbar. Allerdings kein wirklich echter Anreiz, morgens aus dem Bett zu kommen.

Da hilft es schon eher, mit den drei Männern zusammenzuleben, die mir über viele Jahre hinweg ans Herz gewachsen sind.

„Wir haben es ganz gut mir dir erwischt, Mama“, meinte mein 21jähriger Sohn, als er um die Mittagszeit in die dampfenden Töpfe schaute. Der Jüngere ist in regem Austausch mit mir über schulische und sonstige Themen, und mein Mann bringt seine Freude über meine vom Terminstress befreite heitere Anwesenheit ganz unverhohlen zum Ausdruck. In diesem überschaubaren System meiner Familie war und bin ich offensichtlich äußerst relevant.

Und ohne die ernormen Leistungen, die in diesen Tagen in unseren Parlamenten, im Gesundheitssystem und der Lebensmittelbranche erbracht werden, damit herabzuwürdigen – möchte ich den israelischen Schriftsteller David Grossman zitieren. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises in Frankfurt sagte er:

„Ich denke, die bedeutendsten Dinge in der Geschichte der Menschheit haben sich nicht auf Schlachtfeldern ereignet, nicht in den Sälen der Paläste oder den Fluren der Parlamente, sondern in Küchen, in Kinder- und Schlafzimmern.“

David Grossman

Da stimmen ihm sicher nicht alle Historiker zu, aber es wäre auf jeden Fall ein bedenkenswerter Ansatz für uns alle, die wir gerade außergewöhnlich viel Zeit in Küchen, Kinder-, Wohn- und Schlafzimmern verbringen:

Was hier geschieht, wie wir mit den ganz nahen Menschen zusammenleben, wie wir mit ihnen reden, spielen, lachen und weinen – das könnte von allergrößter Bedeutung sein – im Kleinen wie im Großen – und wäre damit im besten Sinne systemrelevant.