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All you need Tage wie dieser

Black Friday

Der Tag, an dem Händler in der Stadt und im Netz die Preise ganz tief sinken lassen. Damit sinkt auch die natürliche Kauf-Hemmschwelle bei den Konsumenten. Wenn da eine 50% auf einem schwarzen Hintergrund erscheint, heißt es: Zugreifen! So einen Deal gibt es nur einmal!

Der Tag, an dem Menschen also unglaublich viele Dinge kaufen. Die Frage nach dem Wozu oder Wofür tritt bei solchen Angeboten in den Hintergrund. Erst werden Warenkörbe und Einkauftüten gefüllt, dann Schränke, Regale, Keller; erst die eigenen und dann die der anderen: So macht Schenken Freude!

Der Tag, an dem es keine Rolle spielt, woher das Produkt kommt und wohin das Produkt geht. Denn es muss schnell gehen! Nur noch heute gilt der Deal. Produktionsbedingungen, Entsorgungsfragen – müssen leider hinten anstehen (am besten maskiert und mit viel Abstand).

Der Tag, an dem modernes Leben auf Konsumieren reduziert wird. Ich kaufe, also bin ich – ein gut funktionierender Teil unserer Konsumgesellschaft. Und ich bin damit auch gut beschäftigt. Es gilt ja Pakete auszupacken, anzuprobieren, Retouren einzupacken, Finanzierungen zu regeln.

Der Tag, der Millionen von Paketen auf die Straße bringt. Und vor unser Haus. Kontaktlos und meistens richtig schnell. Einkaufen war noch nie so einfach wie heutzutage: Mausklick – das klingt niedlich.

Ein Tag, an dem ziemlich viel richtig verkehrt läuft – nur der Name stimmt:

BLACK FRIDAY – Ein wahrhaft schwarzer Tag.

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Corona-Zeiten Tage wie dieser Veränderung

Ostern 2020

„Die Welt danach wird eine andere sein,“ so der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern in seiner Fernsehansprache. Damit meinte er natürlich die Corona-Krise, aber dieser Satz passt auch gut zum Osterfest. Die Welt nach jenem ersten Ostermorgen war eine völlig andere für die Männer und Frauen, die ihr Vertrauen auf Jesus von Nazareth gesetzt haben. All ihre Träume, Hoffnungen und Wünsche hatten sie mit ihm begraben; und nun war auf einmal der Himmel wieder offen. Mit der Auferstehung feiern wir auch heute noch das Leben mitten im Tod, den Neubeginn da, wo alles zu Ende schien, die Zuversicht nach der Erfahrung des totalen Scheiterns, die ungeheuerliche Veränderung.

„Die Welt nach Corona wird eine andere sein“, sagt Steinmeier und da stimme ich unumwunden zu. Anders wird sie auf jeden Fall, wie die veränderte Welt konkret aussehen könnte, bleibt offen. Er fügt lediglich hinzu: „Wir alle haben das in der Hand.“ Und da könnte das Problem liegen. Es gibt halt nicht nur die eine Hand, sondern sehr viele. Und ich vermute, dass es sehr unterschiedliche Ideen und Meinungen darüber gibt, wie eine andere Welt aussehen soll.

Für mich zum Beispiel ist eine Welt ohne Fußballbundesliga durchaus denkbar; auch SportUtilityVehicles bräuchte ich in der veränderten Welt gar nicht. Einwegklamotten zum Schleuderpreis gäbe es auch nicht mehr. Verreisen würden wir seltener und Convenience Food würde nach und nach aus der Kühltheke verschwinden. Immobilienspekulanten wären arbeitslos, weil es genug Wohnraum für alle gäbe.

Vielleicht wären wir schlechter frisiert und die Haare ehrlich grau. Die Garderobe würden wir nicht jede Saison wechseln, und die Kinder nicht zum Vokabel-Lernen drängen. Die pflegeleichten Steingärten würden sich in wilde Vorgärten verwandeln und Menschen hätten Zeit, darin auf einer Bank zu sitzen. Wir würden ganz viel Staunen – über die Welt, die Käfer und Vögel, unsere Nachbarn und Freunde – und über uns selbst.

Tja, wenn ich es „in der Hand“ hätte… Ziemlich viele Konjunktive sind das geworden, und dabei hätte ich noch viele weitere Zukunftsvisionen.

Aber vielleicht muss ich gar nicht warten, bis die Welt von meinen Ideen überzeugt ist. Vielleicht bietet mir die Kombination von Ostern und Corona genau die Aufbruchstimmung, die nötig ist.

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Mahatma Gandhi

Selten hat dieses Wort besser gepasst als an diesem Osterfest.

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system(ir)relevant Tage wie dieser

Karsamstag

Dass dieser Tag zwischen Karfreitag und Ostern seinen eigenen Namen hat, ist mir durchaus bewusst. Trotzdem hab ich kurz gestutzt, als Claudia Kleinert gestern bei der Wettervorhersage einen sonnigen „Karsamstag“ angekündigt hat. Sonnig ist er tatsächlich geworden und umtriebig dazu, denn heute müssen letzte Ostereinkäufe und -Vorbereitungen getroffen werden; und da Osterurlaube gestrichen sind, wuseln wir alle munter durch unsere Heimatorte.

Ansonsten bleibt der Karsamstag im Reigen der Osterfesttage eher unsichtbar. Über Karfreitag und Ostersonntag berichten die Evangelisten in der Bibel ausführlich. Jedes Jahr im Frühling wird in den Kirchen entsprechend an das Leiden und Sterben Jesu erinnert und dann zwei Tage lang die Auferstehung gefeiert.

Dagegen wirkt der Tag dazwischen leer und ereignisarm. Da gibt es nichts mehr zu feiern. Es bleiben nur noch die Grabesruhe, das Ende, der Tod. Im Grunde wäre am Karsamstag eigentlich der Tod zu bedenken, das Grab, das auf uns alle wartet, das Ende dieses irdischen Lebens, das Nicht-Mehr-Sein auf dieser schönen Erde.

Heute also wäre die Gelegenheit, darüber nachzusinnen, dass es Zeiten gab (und zwar sehr lange), in denen ich – Heidi – nicht hier war, und dass es wahrscheinlich noch unermesslich viele Jahre geben wird, in denen ich – Heidi – nicht mehr sein werde.

Ein trauriger Gedanke einerseits; und gleichzeitig unheimlich entlastend. So wichtig bin ich gar nicht. Ja, im Blick auf das Große, Ganze und Universale bin ich möglicherweise sogar ziemlich irrelevant.

Könnte das am Ende die Botschaft des Karsamstags sein?

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Tage wie dieser

Still halten

Der Karfreitag war für meine fromme Großmutter eine ernste, ja heilige Angelegenheit. Außer dem Gottesdienstbesuch im schwarzen Mantel und einem fleischlosen Mittagessen war dieser Tag für sie durch Stille geprägt. Sie konnte es nicht aushalten, wenn wir als Kinder durch den Hof gerannt sind, und ich erinnere mich noch gut an ihre mißbilligenden Blicke und Worte, als sie mich mit meinem Strickzeug auf dem Sofa angetroffen hat. Damals fand ich das sehr befremdlich und fühlte mich ihr insgeheim überlegen, weil ich meinte, solche äußeren Formen für meinen Glauben nicht nötig und derlei Zwänge hinter mir gelassen zu haben.

Das deutsche Feiertagsgesetz gibt meiner Oma allerdings insofern recht, als dass der Karfreitag bis heute zu den „Stillen Tagen“ gehört, an denen zum Beispiel das Tanzverbot gilt.

Inzwischen sind ein paar Jahrzehnte vergangen, und wie ich haben sich auch Karfreitage verändert. Man kann ohne aufzufallen im hellblauen Frühlingsmantel in die Kirche gehen, und das fleischlose Mittagessen wird vor allem von Fischereibetrieben und -vereinen propagiert. Ein netter zusätzlicher Feiertag also, der Zeit zum Eierfärben und Wohnung-Dekorieren bietet.

Ausgerechnet in diesem Jahr 2020 mitten im Corona-Shut-Down kommt mir die Stille wieder in den Sinn; vielleicht weil sie als solche fast nicht mehr zu haben ist. Statt der gewohnten Begegnungen im Alltag findet das pralle soziale und kulturelle Leben online statt. Das Internet, schon seit jeher eine unendliche Quelle sinnvoller wie sinnfreier Unterhaltung, platzt förmlich vor neuen Wohnzimmer-Formaten. Für die kommenden christlichen Feiertage stehen gefühlt ebenso viele eigens produzierte Gottesdienste im Netz wie Kirchen im Dorf. Ganz zu schweigen von den unzähligen Blogs, in denen Menschen ihre Beobachtungen und Gedanken zum Besten geben…

Wir tun uns offensichtlich schwer mit der Stille, mit dem Still-Sein und nochmehr mit dem Still-Halten. Ich bewundere Menschen, die in der Lage sind, einfach in der Stille zu sitzen – zwanzig Minuten, zwei Stunden, einen halben Tag. Sie halten die Stille, ja, sie halten die Stille aus.

Im Rahmen eines Achtsamkeitstrainings hab ich das auch praktiziert und musste erkennen, dass es für mich die schwierigste Form der Meditation ist. Still-Sein geht, dafür muss ich nur den Mund halten; aber die Stille halten, nicht davor weglaufen, sie auch nicht umrahmen, sie nicht mal benutzen um zur Ruhe zu kommen – das ist etwas völlig anderes.

Was ist so schwierig daran? Ich muss doch gar nichts tun. Aber genau dieses Nichts ist das Problem. Da von außen keine Reize kommen, bin ich ganz meinen Gedanken und meinem Körper ausgeliefert. Die einen schlagen Purzelbaum im Kopf, der andere meldet sich durch Schmerzsignale in Rücken und Knien. Je stiller es um mich ist, umso lauter höre ich alles, was in mir abgeht. Meist sind es nicht die angenehmsten Dinge, die sich da Gehör verschaffen. Genügend Gründe, doch lieber den mp3-Player zu schnappen und eine Runde im Wald zu drehen.

Wenn es jedoch gelingt, in diesen inneren Turbulenzen still zu halten, auszuhalten, dass nichts zu tun ist – dann kann es passieren, dass die Stille mir etwas zeigt – etwas über mich selbst und das Leben und meinen Platz darin.

Der kanadische Gitarrist und Sänger Bruce Cockburn drückt das in einem seiner Songs so aus:

Nothing is pure, nothing is sure; and no matter who we think we are, everybody gets the chance to be nothing.

Bruce Cockburn: „Isn’t that what friends are for?“, 1999

Heute weiß ich, wie meine Oma mich damals hätte packen können: „Also Heidi, ich glaube nicht, dass du eine Stunde still halten kannst, ohne Strickzeug, Kassettenrekorder und Tagebuch.“

Morgen, am Karfreitag, werde ich es versuchen.